Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

YOUNG.EURO.CLASSIC

Technik,

die begeistert

Ist das die neue Anne-Sophie Mutter? Im ausverkauften Konzerthaus enthüllt Janine Jansen die zeitlose Schönheit von Mozarts fünftem Violinkonzert – und wird gefeiert wie eine Göttin. So durchdacht formt die junge Holländerin die melodischen Bögen, dass die Musik ein vollendetes Profil im griechischen Stil erhält. Edelste Klassizität – doch ohne Kälte. Fadenfein ist der Klang ihrer Stradivari, ein Silberstreif, präzise, klar, intensiv. Noch kann er ruppig werden, dreinfahren wie ein Blitz, aber die Gefahr des Manierierten, wie man es von Mutter kennt, schwingt auch bei Jansen mit. Der volle Sound des European Union Youth Orchestra wirkt geradezu fettig im Vergleich mit ihrem gertenschlanken Ton, so, als stünde eine Amphore auf einem überreich verzierten Rokoko-Tischchen. Die Orchesterstärke von 136 Musikern aus allen EU-Staaten ist vor allem für den Breitwandklang der Spätromantik ausgelegt, Großmeister wie Gustav Mahler. Dessen Fünfte liegt nun auf den Pulten. Wie souverän und technisch brillant die Jugendlichen auch unter dem kurzfristig für Vladimir Ashkenazy eingesprungenen Andrey Boreyko das monumentale Werk bezwingen, begeistert. In die Tiefenschichten der Sinfonie aber, wo der erschütternde Weltschmerz des Menschenkenners Mahler nistet, dringen sie an diesem Abend nicht vor.

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DESIGN

Wie man

sich bettet

In Berlin steigt die Zahl der Übernachtungen und mit ihr die Zahl der Betten. Drei der neuen Quartiere stellt die Ausstellung Hotelinterieurs in der Werkbundgalerie vor (Goethestraße 13, bis 31. August. Katalog im Jovis Verlag, 15 €). Für sein Concordehotel nahe dem Kurfürstendamm hat Jan Kleihues eine gediegene Zimmerstimmung aus dunklem Holz und Streifenteppich komponiert. Noch nicht ganz fertig gestellt ist das Meliá von Johannes Heinrich am Bahnhof Friedrichstraße; die Entwurfsskizzen versprechen ein farbig-frisches Ambiente. Johanne Nalbach nahm die Adresse der Wallhöfe zum Anlass einer Wallstreet-Themen-Ausstattung. Auch wenn das Spiel mit Dollars und Börse etwas arg ausgereizt wird, wer würde unter einem Spruch des Börsengurus André Kostolany keine geruhsame Nacht verleben? Hatte doch Kostolany seiner Mitwelt empfohlen, neben dem Geldverdienen auch die angenehmen Seiten des Lebens zu genießen. Dank Nalbachs Gespür für architektonische Details sollte das im Wallstreet-Park-Plaza auf das Angenehmste gelingen. Jürgen Tietz

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