Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

YOUNG EURO CLASSIC

Ein Orchester,

das es nicht gibt

Die verstorbene Brandenburger Politikerin Regine Hildebrandt habe den „Sinn des Lebens im Miteinander“ gesehen. So führt die Schauspielerin Jenny Schily als Patin ein Orchester ein, das es „nicht gibt“. Und doch: Im Konzerthaus erblüht sein Klang für einen Abend, ohne dass von einem festen Klangkörper die Rede sein könnte. Stattdessen: Ein Ad-hoc-Ensemble, dem das Zusammenspiel Herzenssache ist. Denn die Mitwirkenden aus China, Tschechien, Polen und Deutschland freuen sich der Campus-Idee des Festivals. Hier wird die Begegnung junger Musiker über die eigenen Konzerte hinaus realisiert. Sechs Tage Probenzeit müssen dem Campus-Orchester China – Europa reichen, bis es zum gemeinsamen Auftritt kommt.

Jeder spürt die Feuerprobe, auch das Publikum, wenn con brio die „Symphonie Classique“ von Prokofjew anhebt. Geschliffener Neoklassizismus unter der Leitung von Christoph Altstaedt , zumal in den hohen Streichern, den geteilten ersten Violinen. Ein Meisterwerk, dem das Verdikt „harmonisch unproblematisch“ nicht beikommt, wie die überzeugende Interpretation zeigt. Das Gleiche gilt für das Doppelkonzert mit Klavier und Pauken von Martinu, in dem die beiden Streichorchester staunenswert präzis reagieren. Das Campus-Orchester wagt sich zudem an zwei Uraufführungen: „Dämmerung“, ein Stück von Mingwu Yin mit chinesischer Streichlaute, in dem die Stille lebt. Dagegengesetzt wird „Schwebung“ von der mährischen Rihm-Schülerin Katerina Ruzickova, deren Musik sich mit tonalem Flair geradezu unverschämt entlädt. Als zweiter Dirigent springt Mu hai Tang aufs Podium und direkt in die „Italienische“ Sinfonie Mendelssohns.

Tiefschwarzes neben blondem Haar an den Pulten: Es herrscht ein spirituelles „Miteinander“, wie es eingefahrene Sinfonieorchester nicht selten vermissen lassen.

* * *

KLASSIK

Eine Heimat,

die nicht mehr ist

Waren das noch Zeiten, als Musiker danach trachteten, das Alltagsleben der Menschen musikalisch zu adeln. Hans Eisler war einer von ihnen. Von Arnold Schönberg in der Zwölftontechnik unterwiesen, wandte sich Eisler bald der gesellschaftlich und politisch engagierten Musik zu, abstrakte Formen der Neuen Musik scharf kritisierend. Was ihn als idealen Hauskomponisten für Brecht prädestinierte. Heiner Goebbels, als bekennender Eisler-Verehrer ebenfalls politisch engagiert, hat ihm 1998 die Collage „Eislermaterial“ gewidmet, nun zu hören im Rahmen des Brecht Fests im Berliner Ensemble .

Goebbels schafft zu Beginn eine eigenartig nostalgische Atmosphäre, gleich einer vergilbten Postkarte. Ein paar rührende Klänge vom Harmonium, nach und nach stimmen die Musiker des Ensemble Modern ein, wehmütige Melodien wachsen heran. Brüder, zur Sonne, Auferstanden aus Ruinen, und vor allem: Dass niemand mehr Deutschland fürchte! Josef Bierbichler singt meist in sanftem Falsett, betont die Verletzlichkeit der Musik. Allmählich entfaltet Goebbels die ganze Spannbreite Eisler’schen Komponierens: Deftiger Agitprop (vier Wiegenlieder für Arbeitermütter) wechselt mit jazzigen Einlagen, Orchesterstücke werden zitiert, es ist Raum für Improvisation. Bei allem Respekt vor Eisler streift Goebbels in den brillant gemixten Originaltoncollagen aus Interviews, die die Musik zweimal unterbrechen, doch ironisches Terrain. Aus dem lavierenden Ton des Meisters lässt sich deutlich seine Ratlosigkeit angesichts des Zwiespalts zwischen Massentauglichkeit und avancierter musikalischer Moderne heraushören. Ulrich Pollmann

0 Kommentare

Neuester Kommentar