Kultur : KURZ & KRITISCH

Sandra Luzina

TANZ IM AUGUST

Mut zur

Russen-Salsa

Spannungen aufzubauen: Darauf versteht sich Emanuel Gat . Der israelische Choreograf studierte Musik an der Rubin Academy und wollte ursprünglich Dirigent werden. In der Auswahl der Musik zeigt er sich denn auch unerschrocken: Schubert, Bach und Strawinsky. Als superber Tänzer, an der Seite von Roy Assaf, präsentiert er sich im HAU1 mit der „Winterreise“. Die beiden Männer in ihren schwingenden Kleidern sehen wie Zwillinge aus. Zu drei Schubert-Liedern jagen sie in schnellen Läufen über die Bühne. Das Spiel aus Doppelungen und Verschiebungen ist optisch reizvoll, ignoriert aber Schuberts Fallhöhe. Und Assafs Duett zu einem Auszug aus Bachs „Inventionen“ für Klavier ist zwar nicht mehr als eine Fingerübung, doch sehr frisch.

Furchtlos nähert sich Emanuel Gat dem „Sacre“, der schon berühmte Choreografen herausgefordert hat. Salsa zu Strawinsky! Aus dem russischen Ritus wird ein Drama auf dem Dancefloor – das Drama der überzähligen Frau. Gats klammert Emotionen aus, spielt die möglichen Konstellationen mit drei Frauen und zwei Männern durch. Den dominierenden Part haben die Männer: Sie wickeln die Frauen ein und aus und lassen sie abrupt stehen. Ein Wechselspiel aus Rausch und Ernüchterung, das an untergründiger Dramatik gewinnt, zuletzt aber doch auf der Stelle tritt.

Erhöhte Alphawellen-Aktivität am Abend zuvor in der Schaubühne . In „Lugares Comunes“ hat Benoît Lachambre sich und seine Tänzer in einen sanften Schlummer versetzt. Sie ähneln der Crew eines galaktischen Raumschiffs: Ihre Haare sind grau, ihre Körper jung geblieben. Wenn sie erwachen, erzählen sie von der Utopie – und legen sich wieder hin. „Lugares Comunes“ ist ein politisch naives Stück. Vielleicht sollte man es als kollektive Entspannungsübung verstehen.

* * *

HIPHOP

Angst vor

Krabbelspinnen

Mit heulenden Polizeisirenen beginnt der Auftritt im ausverkauften SO36 : „Yeah Muthafucka! Body Count Nigga!“ Da haben wir ihn wieder: Ice-T , das größte Schandmaul der Hip-Hop-Szene. Längst ist der Respekt, der ihm entgegengebracht wird, nicht mehr selbstverständlich. Dabei schlägt er sich als Schauspieler wacker durch. Und nun hat er wieder Bock auf Rock. Nachdem drei Bandmitglieder verstorben sind, hat er neue Radaubrüder für sein Rap-Metal-Projekt Body Count gefunden, die sich ohne Qualitätsverlust durchs bekannte Repertoire knüppeln. Bei schlechter Laune könnte man ihre Musik als überholt bezeichnen. Bei guter gibt es wenig, was einen mehr erheitert. Wie sie mit voller Kraft offene Türen einbrettern, während Ice-T sein Getto-Bewusstsein als Herrenwitz formuliert und mit jovialer Geste die Huldigungen seiner Fans entgegennimmt. Und tonnenschwere Dresch-Metal-Gitarren, flotte Sprüche übers Umnieten und Flachlegen, Abräumer wie „KKK-Bitch“ oder „Evil Dick“ bis zum Finale mit „Cop Killer“ – jenem Skandal- Song, der vor 14 Jahren auf dem Index landete. Die Freude steigt, als sich der Entertainer eine Stripperin auf die Bühne holt und ihre nackten Brüste leckt. Diese erhabene Sinnlosigkeit, eingefangen als Dekoration aus prolligen Gesten und albernem Gehabe, das nur die Lust an der eigenen Bescheuertheit ausleben will. Was die meisten nicht wissen: der Mann liebt seine Mutter über alles und hat Angst vor Spinnen. Is he killer? – „Yeah! God damn it!“ Volker Lüke

POP

Lust auf

Rumbakugeln

Die Bühne der Columbiahalle ist vollgestellt. Verstärker, Boxen, Instrumente. Kaum Platz für die fünf Jungs von Goldrush aus Oxford, die zum Auftakt des Label-Abends von City Slang eine angenehme halbe Stunde zerrigen Gitarren- Lärm mit melodiösem Pop und hübsch beateligen Hintergrund-Uhh-Huhhs mischen. Umbaupause: Ein Schlagzeug runter, da waren’s nur noch drei. Und mehr Platz für Broken Social Scene , das bizarre Musikerkollektiv aus Toronto. Sechs Bläser treten auf. Tuten, tröten, treten wieder ab. Elektrische Gitarren, schweres Dengeln, Knattern, Rattern. Bass, Schlagzeug, Fistelstimme. Die Bläser, wieder hereinspaziert, stoßen ins Horn, und sind schon wieder weg. Der Fistelmann, jetzt mit tiefer Stimme, überlässt die höheren Lagen einer jungen Frau. Während weitere Männer Rumbakugeln schaukeln. Eine Gitarre, die wie ein Schweißgerät ein Solo dazwischenschneidet. Und Riffs fliegen wie splitterndes Glas. So laut, so hypnotisch ist diese Musik, dass eine Stunde davon fast zu viel ist. Schlagzeug runter, da waren’s nur noch zwei. Das Krafttrio Nada Surf aus New York bewegt sich routiniert zwischen Punk, Pop, Neo-Grunge. Das letzte Schlagzeug auf der Bühne gehört John Convertino von Calexico . Und wieder ist es eine Freude, ihm zuzuhören. Wenn er von schräg oben aus der Schulter und dem weggespreizten Ellbogen die Stöcke mit Schlagseite in die Snare einkippt. Wenn er mit der Rechten Maracas schüttelt, mit der Linken in der Trommel rührt. Während die Pedal Steel weint, Mariachi-Trompeten silberne Strahlen in den Himmel schicken. Joey Burns von akustischen zu elektrischen Gitarren wechselt, von Nylon zu Stahl. Und das Timbre seiner Stimme von tragischen Texmex-Geschichten zu riffigen Rockern oder melancholischen Balladen. Langer Abend. Anstrengend, schön. Um halb eins wird das letzte Schlagzeug abgebaut. H.P. Daniels

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