Kultur : KURZ & KRITISCH

Nadine Lange

TRIPHOP

Zerstreute

Endorphine

Vorbands sind Statussymbole. An ihnen kann man ablesen, wie gut der Hauptact im Geschäft ist und wie es mit der Wertschätzung der Kollegen steht. Beides scheint noch immer völlig intakt bei den Bristoler TripHop-Pionieren von Massive Attack , sie haben Edeleinheizer zu ihrem sehr gut besuchten Konzert in der Arena mitgebracht: Das New Yorker Quintett TV on the Radio wird für sein neues Album zu Recht mit Kritikerlob überschüttet.

Nach ihrem faszinierenden Avantgarde-Rock-Set folgt mit DJ Shadow eine richtig große Nummer. Vor allem die jüngeren Zuschauer reagieren euphorisch. Massive Attack sorgen anschließend für eine 90-minütige Fortsetzung der Endorphinausschüttungen. Den Zeremonienmeister gibt Robert „3 D“ del Naja, der in Uniformjacke vor der fünfköpfigen Band steht. Das einst als Trio gestartete Projekt ist nun deutlich sichtbar in seiner Hand. Quasi im Alleingang nahm er das letzte Album auf. Und so kommt Gründungsmitglied Grant „Daddy G“ Marshall wie einer der Gastsänger nur ab und an auf die Bühne. Allerdings reißen vor allem die Stücke aus der gemeinsamen Zeit mit. Etwa „Hymn Of The Big Wheel“ vom epochalen Debüt „Blue Lines“ oder „Karmacoma“ vom Nachfolger „Protection“ – inzwischen moderne Klassiker. Der hypnotische Mix aus schleppenden Beats, Knistersampels und schönen Gesangsmelodien funktioniert immer noch erstaunlich gut. Das Herzstück des Konzerts bilden zwei Stücke von „Mezzanine“, für die auch Del Naja sich zurückzieht: Elizabeth Fraser singt das grandiose „Teardrop“, und Horace Andy zelebriert „Angel“ wie eine Voodoo-Messe. Das ist so schön und perfekt, dass man sich nicht vorstellen kann, wie Massive Attack dieses Niveau je wieder erreichen wollen. Doch sie probieren es: Nach der Tour wollen sie ihr fünftes Album einspielen.

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KUNST

Zerfallene

Atome

So könnte es klingen, wenn Zellmembranen sich öffnen oder Atome mit lautlosem Donner zerfallen. Die Berliner Klangkünstlerin und studierte Mathematikerin Doris Kuwert setzt in der Singuhr-Hörgalerie in der Parochialkirche Materie in Bewegung, und leise scheppert und schabt es, blubbert und sprudelt, einem nicht erkennbaren Muster folgend (bis 3. 9., Klosterstraße 67, Do-So 14-20 Uhr). Mikrokosmos nennt Kuwert ihre beiden Klanginstallationen: Minisounds von Minidingen, vom Mikro aufgenommen und minimal verstärkt. In der ehemaligen Sakristei hat die 1952 geborene Künstlerin zwei Aquarienpumpen in Wassergläser getaucht. Ein Dialog: erst Gluckern, dann, wie Applaus, Rauschen. Wenige Treppenstufen höher, im Glockenraum, hängen durchsichtige Hohlkugeln an Wäscheleinen. Kleine Motoren lassen die Leinen mit diesen Plastikplaneten, in deren Innern Eisenmurmeln liegen, nach einer programmierten Komposition schwingen. Als ginge sacht ein Wind durch den Glockenturm. Im Raum verteilte, winzige Lautsprecher übertragen die dabei entstehenden Rollgeräusche der nun kreisenden Kugeln in den Kugeln. Der Sound zur Bewegung tönt oft aus überraschender Richtung. Die Installation wirkt – zumal in dem Gewölbe des Glockenraums – wie Spuk: Wie von Geisterhand bewegen sich die Kugeln, aus den Ecken klappert es zurück – eine Gespenstersonate. Daniel Völzke

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FOTOGRAFIE

Zerknautschte

Kissen

Fotos von sechzig Betten reihen sich neben- und untereinander zu einem Quadrat. Die Bettlaken haben Liegefalten, das Kissen ist zerknautscht, der Schlafende muss gerade erst aufgestanden sein; seine Wärme ist noch zu spüren. Der ungarische Künstler Gábor Kerekes schlief selbst in allen sechzig Betten und machte Sekunden nach dem Aufstehen die Fotos, um seine Aura in den Bildern festzuhalten. Die Lumen Fotokunst Stiftung im Collegium Hungaricum zeigt Fotografien junger ungarischer Künstler unter dem Titel „Self-Stories“ (Karl-Liebknecht-Str. 9, bis 17. 9.; Mo-Mi 9-20 Uhr, Sa/So 15-20 Uhr). Eines haben alle sechs Fotografen gemeinsam: die Suche nach der eigenen Identität. Einige erforschen sich bildlich, indem sie das eigene Gesicht, den eigenen Körper ablichten. Emese Miskolczi fotografierte sich mit ihrer Katze. Eindringliche, melancholische Bilder sind dabei entstanden. Matt abgezogen, in dunklen Tönen gehalten, überwiegend braun. Ein Schatten verschleiert stets ihr Gesicht. Andere verorten sich bewusst im Fremden, an einem Ort, mit dem sie ansonsten nichts verbinden. Anna Fabricius fotografierte Bilder aus den Fotoalben unbekannter Menschen und sortierte sie neu, so dass sie ihre eigene Geschichte erzählen. Die Montage „Assimilation“ zeigt György Orbán in zuvor von ihm abfotografierten Fernsehbildern. Die Vätergeneration konnte nur zwischen Widerstand und Anpassung an das Regime wählen. Die jungen Ungarn bestimmen ihre Identität hingegen selbst. Da darf der Blick auch unter die Bettdecke fallen. Sarah Hofmann

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