Kultur : KURZ & KRITISCH

André Görke

POP

Bier im

Jugendklub

Äh, sind wir hier richtig? Im tiefsten Lichtenberg, fünf Minuten von der charmanten S-Bahnstation Betriebsbahnhof Rummelsburg entfernt, taucht das Jugendfunkhaus auf. Kommt rein, sagt das Mädchen an der Tür, die Bar ist hinten rechts, Virginia Jetzt! spielen links, „viel Spaß“. 120 Leute können das Konzert der Popband an diesem Mittwochabend hören, damit ist der Jugendklub aber auch prall gefüllt. Verschwitzte Gesichter drängeln sich vor Frontmann Nino, dessen wunderbar-seichte Stimme selbst in diesem Amateur-Saal sauber zu hören ist. Dann endlich: „Zuerst kommt der Blitz!“, singt er, das Publikum stößt routiniert den spitzen Schrei „Huuuu!“ aus und streckt die Arme hoch. „Dann kommt der Donner/ Und am Ende ein ganzer Sommer“. Virginia Jetzt bringen im Frühjahr ihr neues Album („Land unter“) raus, bis dahin tingeln sie über die Dörfer und spielen „wie früher“ (Nino) in den Jugendklubs von Berlin-Lichtenberg über Güstrow bis hin zu Clausthal-Zellerfeld. Bei Bier zum „Sozialpreis“ von 50 Cent wippen die Fans artig mit und trällern mit Nino die neue Single „Bitte bleib’ nicht“. Nett, sehr nett, auch wenn das allgemeine Chaos im Jugendklub ausblieb. War vielleicht etwas arg heiß.

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MUSICAL

Rauschgift

im Karussell

Das Bühnenbild trieft vor 60er-Jahre- Charme, die acht Akteurinnen stellen in Kleidung, Frisur, Gestik und Sprache ein Sammelsurium der Biederkeit dar. Die Damen schmeißen den VEB Kulturpark Berlin, oder das, was von ihm übrig ist: den ruinierten Spreepark. Und der liegt nahe Neukölln danieder, was die Neuköllner Oper zu den „Geschichten aus dem Plänterwald“ bewog (noch heute, am 31.8. sowie vom 1.-3. und 7.-10.9.). Und zwar aus der Perspektive einiger naiver Angestellter, die auch nach Einstellung der Gehaltszahlungen noch Sitzungen abhalten. Was sich im echten Leben um den Leiter des Parks, Norbert Witte, zutrug, ist absurd: Er hatte das Vergnügungs-Areal unter tatkräftiger Mithilfe einer Verwaltung ruiniert, um dann die Gerätschaften in einer Nacht- und Nebelaktion nach Lima verschiffen zu lassen. Beim Rücktransport zweckentfremdete er Karussellteile als Schmuggelbehälter für Rauschgift.

Trotzdem: Der Mann, mittlerweile hinter Gittern, muss Charme haben, die acht Damen jedenfalls halten ihm die Treue. Es kommen zwar keine Besucher mehr in den Park, aber Eintrittskarten werden in großer Zahl vorgehalten und nach Farben sortiert. Zwischendurch wird gesungen, und zwar in Terzen. Texter und Regisseur Matthias Rebstock entwirft so einen ironisch-rührenden Bilderbogen über das Abgewickeltwerden, von Theo Nabicht abwechslungsreich in Musik gesetzt. Der A-cappella-Chor der vielseitigen Damen verwandelt sich unversehens in eine Band oder ein abstrus blökendes Tuba-Ensemble.

Auf die Gefahr hin, den anderen sieben unrecht zu tun, sei die formidable Mariel Jana Subka hervorgehoben. Ihre fast schon seriell auskomponierten Bemühungen, Gestell und Platte eines Campingtischs miteinander zu verbinden – filmreif ist das, eine nicht enden wollende Allegorie der Vergeblichkeit. Aber auch Kontemplatives wird geboten, etwa, wenn die Rückeroberung des ruinierten Areals durch die Natur dargestellt wird. Wer einen vergnüglichen Einstieg in die Saison sucht, fährt nach Neukölln. Wenn er nicht schon da ist. Ulrich Pollmann

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