Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

KUNST

Der Wahnsinn

wird zur Methode

Der Gehweg grenzt an einen Gusseisenzaun, im Vordergrund parken Autos: Eigentlich zeigt das Foto-Triptychon eine ganz banale Straßenszene. Aber der Bildraum wirkt eigentümlich verzerrt, die Gegenstände, vom Kantstein bis zum Cabriolet, wirken zurechtgeschliffen wie Bauklötze. Der Schweizer Künstler Hervé Graumann räumt ein, dass er die Bildbearbeitungssoftware seines Computers nur unzureichend beherrscht. Wie gut, denn aus der virtuellen, absichtlich ungeschickten Kulissenschieberei sind faszinierende Kunst-Räume entstanden: Overwriting reality – in der Charlottenburger Villa Oppenheim generiert Graumann seine Update-Versionen von Wirklichkeit (bis 1. Oktober, Schloßstraße 55, Di-Fr 10-17 Uhr, So 11-17 Uhr).

Ohne Computerhilfe, aber aus dem Geist unseres „Zeitalters der Reproduzierbarkeit“ geschaffen, ist Graumanns Zyklus der sogenannten „Pattern“ (Muster). Dabei handelt es sich nicht etwa um Tapeten-Endlosware aus Künstlerhand, sondern um Rauminstallationen, deren einzelne Module aus miteinander kombinierter Grabbeltischware haarklein wiederholt werden – und zwar gefühlte hunderte Male. So wird ein schwarzer Putzeimer, der Schuhlöffel, die Stoffblume, das Plastiktablett zuzüglich weiteren Ramsches zum irrwitzigen Tableau arrangiert, das für sich genommen höchst befremdlich wirken müsste. In der präzisen Wiederholung, als dreidimensionales Muster aus objets trouvés , wird der Wahnsinn zur Methode. Und: Der Künstler geht mit so viel Sinn für Farbkombinatorik zu Werke, dass jedes seiner „Patterns“ einen spezifischen Zauber entfaltet. Hervé Graumann „malt“ mit Gegenständen.

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THEATER

Die Liebe

wird zur Falle

„Ich finde dich wirklich zum Kotzen“, so lauten Jean-Paul Belmondos letzte Worte an Jean Seberg in Jean-Luc Godards Nouvelle-Vague-Wegbereiter „À bout de souffle – Außer Atem“. Dann stirbt der Gangster, und sein Liebchen, das ihn an die Polizei verraten hat, schaut mit leinwandfüllenden Augen in die Kamera, bevor es sich abwendet. Solche Nahaufnahme-Techniken stehen dem jungen Theaterregisseur Sebastian Schug zwar nicht zur Verfügung, aber seine Adaption der avantgardistischen Thriller-Ballade, zu der François Truffaut das Drehbuch schrieb, behält das radikalromantische Wesen des Films trotzdem im Fokus – die Premiere von Außer Atem in den Sophiensälen wurde als kongeniale Geschichte über die Liebe auf der Flucht entsprechend bejubelt (wieder am 27., 30., 31. August, 1. – 3. September).

Im antiheimeligen Bühnenraum aus Baugerüsten und Stehlampen (Kathrin Wittig und Christian Kiehl) überträgt Schug das Godard-Konzept der abrupten Schnitte auf seine Szenenwechsel und die Rollenspiele des energetischen Ensembles – bisweilen in amüsanten Maßen ironisch gebrochen und vom Autor Jan Friedhoff mit anderen Kino-Klassikern collagiert, etwa Kubricks Vietnamdrama „Full Metal Jackett“. Klar, Liebe ist Krieg. Die Begbie genannte Hauptfigur (stürmisch bis explosiv: Jan Thümer) sucht nach dem Zufallsmord an einem Polizisten Unterschlupf bei seiner Geliebten Pet (kühl erotisch: Katrin Hansmeier), einer Amerikanerin in Paris. Er liebt, sie nicht. Eine Amour fou voll Verve – tatsächlich atemlos. Patrick Wildermann

POP

Der Gesang

wird zur Abbitte

Schotten können unglaublich nette Menschen sein. Wer mal bei einem Konzert von Belle & Sebastian war, dem dürfte die Freundlichkeit der Glasgower Indiepop-Stars angenehm aufgefallen sein. Camera Obscura sind musikalische Seelenverwandte und mindestens genauso lieb. Sängerin Traceyanne Campbell entschuldigt sich im gut gefüllten Lido erst mal für den gegen Mitternacht rückenden Beginn des Auftritts, dabei haben die Vorband-Schluffis mit verspätetem Soundcheck den Laden aufgehalten. Camera Obscura gibt es seit zehn Jahren, aber an diesem Abend wirken die sechs Glaswegians schüchtern wie eine Debütantentruppe. Sie kämpfen gegen die Tücken der Technik: Mal brummt hier ein Mikro, dann rückkoppelt dort ein Verstärker, der Gesang ist oft beängstigend leise, und Keyboarderin Carey Lander beklagt den muffigen Sound des offenbar geliehenen Equipments beim kirchenorgeligen Intro ihres Mini-Hits „Lloyd, I’m Ready To Be Heartbroken“. Aber das ist mehr Abbitte als Gejammer, denn diese Band will ihrem Publikum nur Gutes.

Stücke wie das walzernde „The False Contender“ oder das verwegen schrammelnde „If Looks Could Kill“ transportieren ein entstaubtes Sixties-Flair, das sanfte Euphorieschübe auslöst. Traceyanne Campbell verschwindet fast hinter ihrer halbakustischen Gitarre, aber ihre feine Stimme piekst sich durch dicht gewebte Klangdecken, auf die Nigel Baillie mit spontan bejubelten Trompetensoli hymnische Schnörkel zeichnet. „I Need All The Friends I Can Get“ heißt die letzte Zugabe. In Berlin haben Camera Obscura bestimmt ein paar dazugewonnen. Jörg Wunder

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