Kultur : KURZ & KRITISCH

Sandra Luzina

TANZ

Weiße Wäsche

Sie tragen Holzstöcke auf die Bühne, hantieren mit Zinkeimern oder verschwinden gleich ganz in einer billigen „Polentasche“. Armes Theater zeigt der Afrika-Abend „Sub-Sahara“ beim „Tanz im August“ ( Podewil , noch einmal am 30.8.). Jeder der vier afrikanischen Choreografen schleppt Elendsgepäck mit sich. Andréya Quamba (Dakar), Nelisiwe Xaba (Johannesburg), Papy Ebotani (Kinshasa) und Gaby Saranouffi (Antananarivo) experimentieren mit neuen Ausdrucksformen in Arbeiten, die grotesk komisch und aufrüttelnd sind. Papy Ebotani kommt aus einer Krisenregion und reflektiert dies in „Na Tempo“ gleich mit, hängt weiße Wäsche auf, verschüttet rote Farbe. Am Ende steht er da, mit ausgebreiteten Armen, die Hände geöffnet, ein Schmerzensmann. Verstörend der Blick, den Ebotani uns zuwirft, fragend, nicht anklagend. Es sind starke Darsteller, die hier von Existenzkampf und Selbstentfremdung erzählen, vom Abstecken von Spielräumen und von schrumpfenden Möglichkeiten.

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ARCHITEKTUR

Norwegisches Holz

Geschnitzte Tierleiber und Drachenköpfe, die von den Dächern aus in die Umgebung schauen, machen die 1000 Jahre alten Stabkirchen zu Wahrzeichen Norwegens. Es ist ein kurzer Weg, der von der mittelalterlichen Holzbaukunst in die Gegenwart führt, wie eine Ausstellung im Felleshus der Nordischen Botschaften nun zeigt (Rauchstraße 1, bis 29. 9.). Mit dem traditionsreichen Material Holz werden nicht nur Einzelbauten wie das Samländische Parlament in Karasjok von 2000 oder die geschwungene Brücke in Akershus gestaltet, es wird auch für ganze Stadtbereiche herangezogen, wie bei dem gelungenen Wohn- und Geschäftshaus von Team 3 in Trondheim. Ende des 19. Jahrhunderts ließ auch der „Nordlandfahrer“ Wilhelm II. am Potsdamer Jungfernsee die Matrosenstation Kongsnæs („königliche Landzunge“) im norwegischen Stil errichten; weil dem Architekten Holm Hansen Munthe kaum Zeit zur Verfügung stand, griff er auf Pläne für ein kurz zuvor in Oslo errichtetes Restaurant zurück. Im Zweiten Weltkrieg zerstört, ist die Station in der Ausstellung nun als Modell wiedererstanden, während einige der historischen Holz-Wohnbauten noch am Ufer des Jungfernsees stehen. Jürgen Tietz

KLASSIK

Knifflige Fragen

Was könnte dieser Akkord bedeuten: Eröffnet er Beethovens Klavierkonzert Nr. 4 oder doch eher Schuberts Fantasie-Sonate? Unter den Teilnehmern des Piano-Quiz’ im ehrwürdigen Rittersaal des Husumer Schlosses besteht kein Zweifel: natürlich Beethoven. Schon zum zweiten Mal leitet Jeremy Nicholas beim Festival „Raritäten der Klaviermusik“ in Husum das Piano-Quiz mit kniffligen Fragen zu Werken, Arrangements und Aufnahmen. An diesem Sonntagmorgen, schwört Nicholas, ist die pianistische Kompetenz der Welt versammelt. Und tatsächlich treffen sich hier beängstigend sachkundige Klavier-Fans und -Freaks aus aller Welt.

Wirkt so eine aktive Fangemeinde nicht abschreckend auf die Pianisten? Ganz im Gegenteil: Ein Bonner Rechtsanwalt etwa, erzählt Yaara Tal vom renommierten Duo Tal & Groethuysen, schickte ihnen das Klavierstück „Spiel um ein Kinderlied“ von Walter Gieseking zu – das charmante, frech mit Jazzformeln spielende Werkchen von 1948 ziert seitdem ihr Repertoire und begeisterte auch hier. „Am schlimmsten ist ein Publikum, das selbst nicht spielt, aber alles zu verstehen glaubt“, meint Tal. Doch auch andere Pianisten erfüllen sich in Husum regelmäßig die Sehnsucht, einmal etwas anderes zu spielen als die alten Publikumsrenner. Marc André Hamelin, der schon zum zehnten Mal dabei ist, machte in der Fachwelt durch Entdeckungen von Alkan, Godowsky oder Sorabji von sich reden, kreativen Sonderlingen der Virtuosenszene der Jahrzehnte um 1900 – des Goldenen Klavierzeitalters, wie Festivalgründer und -leiter Peter Froundjian meint. Vergilbte Salonmusik ist das nicht. Und natürlich jubelt das Publikum, wenn Hamelin etwa vorführt, wie man gleichzeitig drei a-moll-Etüden von Chopin spielen kann, und das wirklich nur mit zehn Fingern. Shooting Star Gabriela Montero mit fetzigen Latino-Improvisationen, Frederik Meinders mit eigenen Lied-Transkriptionen in Liszt’scher Tradition, die hochtalentierte Newcomerin Nadejda Vlaeva mit der reizvoll eklektischen Sonate von Sergej Bortkiewicz sowie Cecile Licad mit einem ausladend motorischen Frühwerk von Henri Dutilleux: Sie alle zeigen im mittlerweile 20. Jahr des Festivals einen klaviermusikalischen Reichtum, von dem sich auf den ausgetretenen Programmpfaden der Metropolen nur träumen lässt. Isabel Herzfeld

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