Kultur : KURZ & KRITISCH

Thomas Lackmann

POP

Zwitschern, stampfen,

schrammeln, jaulen

Schließen Sie die Augen. Stellen Sie sich vor, sieben Angestellten-Typen aus Ihrem Büro – fünf Männer mit Fliege und Jackett, einer allerdings mit Zopf, und zwei brave kleine Frauen – samt Bassgitarre und sechs Mini-Klampfen auf der Bühne. Mandolinen? Balalaikas? Banjos? Das zirpt. Das zwitschert, stampft und schrammt. Das tiriliert, perlt und jault, swingt, fetzt, fegt und fliegt ... Öffnen Sie die Augen: Das Ukelele Orchestra of Great Britain singt. Leise, um seine zarten viersaitigen Klangkörperchen nicht zu übertönen. Lagerfeuerstimmung, Kneipenatmo, Jahrmarktssound. Cool und kitschig. Jedes Genre und seine Pose werden gefeiert. Gitarrenriff: Bonsai-Eruption. Bluesballade mit Kopfstimme: Balzträume eines artigen weißen Mannes. Eine Prise Händel, rasanter Dixie-Jazz, russischer Schwermutschmelz, Country-Galopp. Zwergenaufstand in der Punk-Kombüse mit Kurt Cobain. Die Bar jeder Vernunft wird zur Lokomotive, zum Dampfschiff, zur Westernkulisse, zur Provinz-Disco. Durch polyphone Medleys flattern Evergreens federleicht ineinander. „My Way“ und „Once in my live“, „Fly me to the moon“, „Love Story“, „I will survive“, „Smoke on the Water“ und „Satisfaction“. Die Perfektion des Arrangements adelt Potpourris zur Symphonie – und wird mit dem Kommentar „Merry christmas everybody“ unterlaufen. Understatement, Selbstironie: So britisch, komisch, subtil war das Berliner Nachtleben lange nicht. Hier dürfen Sie subversiv sein („Anarchy in the Ukelele“) und sich totlachen über „I can boogie“, über „Je t’aime“ auf Englisch-Ukelelisch mit Chor: Was Sie schon immer über Beziehungen wissen wollten. Die Fallhöhe geht von groß auf klein. So ist das Leben. Tun Sie sich das an (noch bis 7. 9., 20.30 Uhr, außerdem 13. und 14. 11., 20.30 Uhr im Tipi).

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POP

Plickern, quäken,

klopfen, krallen

Besorgt betrachtet Mark Olson seine Frau Victoria Williams , die wie ein Mädchen grinst, das etwas Verbotenes im Schilde führt. „Ich bin mir nicht sicher, was sie vorhat“, sagt er. „But that’s the beauty!“ Er lacht sie an: „And the beast!“ Und hat damit auf den Punkt gebracht, worum es geht, beim Konzert im Berlin Guitars . Schönheit und Scheitern. Liebe und Scheiterhaufen. Freude über eine einfache Melodie. Zorn über Unzulänglichkeiten. Kindermelodien. Folksongs. Jazz, Country. Chaos am Küchentisch. Mark und Victoria leben in der Wüste von Kalifornien. Mit Hunden, Gänsen, Eseln. Sie trägt ein Hängerkleidchen. Er Wollmütze. Landkommunarden auf Besuch in der Stadt, mit abgeschrabbelten Instrumenten. Mark hat nach seiner großen Zeit mit den „Jayhawks“ dem Musik-„Biz“ den Rücken gekehrt. Wollte lieber alles selber machen – und sich um Victoria kümmern, bei der vor über zehn Jahren Multiple Sklerose diagnostiziert wurde. Und die trotz gelegentlicher Aussetzer und wechselnder Gemütsverfassungen weiter Konzerte gibt. Und mit ihrer markanten Micky-Maus-Stimme ansingt gegen alle Widrigkeiten. Manchmal erinnert sie an einen sirenenhaften Tom Waits. Der erkältete Mark begleitet tapfer mit Akustikgitarre, Bass und Dulcimer. Während ein Geiger mit großem Bogen drum herumgeigt. Victoria zieht Sandalen und Socken aus, klemmt sich einen Eiswürfel in die Haare. Heute hat sie richtig Spaß. Will nach 90 Minuten immer noch weitermachen. „Nein“, sagt Mark, „jetzt nicht mehr!“ H.P. Daniels

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KLASSIK

Trauen, treiben,

schreien, schweigen

Ein Buhruf mischt sich in den Beifall für Daniel Harding und das Mahler Chamber Orchestra im Kammermusiksaal : Vermisst da jemand seinen lieb gewordenen Schubert? So verstörend war die „große“ C-Dur-Sinfonie wohl noch nie zu hören. Ihre „himmlischen Längen“ sorgten vormals oft für gepflegte Langeweile. Die sind bei Harding wie weggeblasen – dabei nimmt der frühere Abbado-Assistent die Tempi keineswegs zu rasch. Aber er befragt den Notentext kompromisslos auf seine Modernität, auf Brüche und Dissonanzen. Die geben der Kopfsatz-Durchführung Sprengkraft, lassen das folgende Unisono umso fahler anklingen. Auch dem „Andante con moto“ ist alle Koketterie ausgetrieben; seinem Aufschrei folgt ein Abgrund von Generalpause, das absolute Nichts, das die Oboenmelodie nur betrauern, nicht besänftigen kann.

Zunächst aber scheint der Raum für das 42-köpfige Ensemble fast zu klein. Weich und füllig erklingt Bachs „Ricercar“ aus dem „Musikalischen Opfer“, zu dessen Verdeutlichung Anton Weberns Instrumentation wenig beiträgt. Die solistischen Qualitäten der Musiker entfalten als delikate Farbtupfer. Das gilt auch für das Flötenkonzert „Transir“ von Matthias Pintscher: Dem Solisten Emmanuel in die Finger geschrieben, gehört es zu der Art neuer Musik, die in gediegenem Klangsinn wenig zu sagen hat. Isabel Herzfeld

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