Kultur : KURZ & KRITISCH

Sarah Hofmann

ROCK

Musik kann

eine Zeichnung sein

Noel Gallagher nimmt gerne Drogen. Er steht zu den Pillen, die ihn high machen, so sehr, dass er nur unbrauchbare Songs komponiert, wie er selbst sagt. Und malt einen Smiley, ein Symbol für glückliche Menschen mit Acid. Er schreibt auch „Ibiza“ darunter, denn dort fühlt er sich frei. Hätte der Oasis-Sänger sich auch direkt geäußert? Gallagher ist immerhin für seine provokanten Statements bekannt. Andere Musiker sind zurückhaltender, und so beschlossen der Journalist Manuel Schreiner und die Kunstpädagogin Silke Leicher, sie mit Stift und Papier zum Plaudern zu bewegen. Woran sie auf Tournee denken, wollten die beiden wissen. Insgesamt 90 Bands der Indie-Szene – darunter Franz Ferdinand, 2Raumwohnung, The Hives und Wir sind Helden – malten also mit Wachskreide, Bleistift, Bunt- oder Filzstift einen für sie wichtigen Ort. Entstanden ist ein Buch in 106 Bildern – „Skizzenbuch. Unterwegs“ (Rockbuchverlag, 324 Seiten, 19,90 €). Die Versuche beinhalten lustige Kritzeleien, abstrakte Formen, aber auch Karikaturen, Portraits oder Landschaftszeichnungen. Sogar ein Ölgemalde von Nicky Wire von den Manic Street Preachers findet sich; es zeigt ein walisisches Waldstück in Grautönen, mittlerweile „zerstört im Namen des Fortschritts“, so der Bassist. Schade, dass die Erläuterungen der Musiker nur hinten im Buch zu finden sind. So ist es leicht, betrachtenswerte Bilder zu überblättern, weil sie erst im Kommentar ihr Rätsel enthüllen. Politisch zeigen sich viele Künstler und persönlich, beinahe intim. Ob es der erste Übungsraum, das Elternhaus, Lieblingsstädte von Göteborg bis Tokio oder die Geburt des Kindes ist. Schön ist auch, dass das künstlerische Niveau der Zeichungen so variiert. Greg Gilbert von The Delays und Paul Smith von Maximo Park beeindrucken mit echten Kunstwerken, während Guy Berryman von Coldplay und Adam Green eher schmunzeln lassen. Wie schmerzhaft dagegen die Zeichnung des Schlagzeugers von Sparta: Bomben auf Beirut, die Geburtsstadt Tony Hajjars, ein Panzer, Blut. Über alles hinweg fliegt ein Flugzeug Richtung Texas. Dort starb die Mutter des Musikers, als er 14 war.

LITERATURFESTIVAL

Erinnerung kann

eine Krankheit sein

Rachid Boudjedra, das angekündigte enfant terrible der maghrebinischen Literatur, war nicht da. Der 65-Jährige, der nach eigener Auskunft „immer eine Zyankali-Pille parat hält“, seitdem der algerische FIS (Front islamique du Salut) ihn für vogelfrei erklärte, konnte nicht zu den Maghrebinischen Essenzen ins Haus der Berliner Festspiele kommen. Dafür kam der 1971 in Algier geborene Salim Bachi. Er zeichnet in seiner Literatur archaische Bilder von ungeheurer Anziehungskraft – vor allem in seinem Roman „Der Hund des Odysseus“.

„Die Erinnerung kann eine Krankheit sein“, sagt Bachi, „aber die Erinnerung zu hassen, heißt in Barbarei zu verfallen.“ Bachis neuester Roman „Töte sie alle“ rechnet mit den Attentätern vom 11. September ab, vermittelt aber zugleich Hintergründe des islamistischen Fundamentalismus. Die 1948 geborene Tunesierin Hele Bejis erklärte, was für sie der Islam bedeutet, nämlich eine Anleitung zum Leben, Arbeiten und Beten in voller Entfaltung – ohne Hassgefühle.

„Mein Islam, wie ich ihn erlebt habe und noch erlebe, ist Lichtjahre entfernt von Dogma und Militanz.“ Zugleich machte sie ihre Ablehnung gegenüber Geheimdiensten, Kontrolle und Zensur in ihrem Heimatland deutlich. Auch ihr 1945 geborener Landsmann Abdelwahab Meddeb wandte sich gegen Stereotype wie die Gleichsetzung von Islam mit Faschismus. Meddeb zufolge handelt es sich dabei um eine eurozentrische Zuschreibung, die Georges Bataille in den dreißiger Jahren in seiner Auseinandersetzung mit Faschismus und Totalitarismus als Formen der Religion einführte. Jacques Naoum

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