Kultur : KURZ & KRITISCH

Daniel Völzke

ROCK

So richtig

riskieren sie nichts

Endlich umweht sie der heiße Atem ihrer Heimat Las Vegas – und nicht allein der Smog New Yorks oder Nordenglands. Was wurden The Killers dafür gescholten, dass sie den rauen Sound der Garagerock- und „The“-Bands mit Synthie-Harmonien verzuckern. Manch einer wollte gar bei Sänger Brandon Flowers einen falschen britischen Akzent heraushören. Irgendwie als pseudo, irgendwie als streberhaft galten The Killers. Doch ihr Debüt „Hot Fuss“ überholte in den Charts alle anderen Indie-Bands. Demnächst veröffentlichen die vier Wüstenstadtbewohner ihr zweites Album „Sam’s Town“ (Universal) – und auf Fotos inszenieren sie sich nun als Desert-Rocker. Bevor sie im Herbst durch Deutschland touren (am 4.11. im Huxley’s), wirbeln sie durchs E-Werk. Flowers: der Beglücker, eher Crooner als Rocker, die stilvolle Rampensau. Als wolle er auf der mit Lichterketten umkränzten Bühne ein Kreuzfahrt-Publikum unterhalten. Doch die neuen Songs knüpfen an den überladenen Sound von „Hot Fuss“ an, hier ein reduziertes E-Piano-Intro mehr, dort ein Tempowechsel, der für Dynamik sorgt, manchmal ein dance-artig wummerndes Schlagzeug. So richtig riskieren The Killers nichts. Flowers trällert immer noch hin und wieder und wirkt mit seinem neuen Schnurrbart mehr denn je wie Freddie Mercury. Doch diese Melodien! Die erste Single „When you were young“ kommt so wunderbar eingängig rüber, dass man sie schon beim zweiten Refrain mitsingen kann. Doch wieder Klassenbeste, Aufgabe erfüllt, Halle gerockt.

* * *

THEATER

Zum Familienstreit

passen sie kaum

Ist Teiresias, der Seher, Geheimdienstchef? Als graue Eminenz steuert er in der Antigone im Theater an der Parkaue das Geschehen. Weil sich Kreon, der neue Herrscher in Theben, als Weib offenbart? Jedenfalls hat der Prophet (Lutz Dechant) die Stadt zu einem ungemütlichen Ort gemacht, zu einem Verlies, das nur durch eine Art Abwasser-Röhre betreten werden kann. Leichen, eine Kammer mit Klosettsitz, von rechts donnert Herrschersohn Haimon durch eine splitternde Ziegelwand (Bühne: Ulrike Siegrist). Die Geschichte um Tod, Macht und Widerstand spielt im Heute, Fernsehbilder reichern sie an, Akkubohrer, Umzugskisten, alles ist flüchtig. Das Volk von Theben ist ein biederes Hausmeister-Ehepaar (Helmut Geffke, Franziska Ritter). Birgit Berthold stattet Kreon mit dem Raffinement und der erotischen Begehrlichkeit einer machtlüsternen Frau aus. Mit Antigone liefert sie sich einen Kampf um Lebensansprüche, nicht um den Willen der Götter.

Die nämlich passen nicht in die familiäre Auseinandersetzung – Regisseurin Nora Somaini will die alte Tragödie griffig machen. Das gelingt; Elisabeth Heckels Antigone ist eine trotzige junge Frau, lustvoll ordinär, ohne den Liebreiz von Ergebung und Todessehnsucht. Zum Schlimmsten kommt es ja auch nicht – am Schluss stimmt das Publikum ab, wie alles ausgehen soll. Da wird es, Sophokles vergib, recht putzig (wieder morgen 19 Uhr). Christoph Funke

OPERNSAGA

Als Parabel

entpuppt es sich schnell

Es spricht für Tobias Dusche, dass ihm Dinge einfallen wie der Dialog mit der Motorzentaurin (halb Mensch – halb Harley): „Halt dich hier fest“ ruft sie. „War das dein Fuß“ fragt Raumfahrer Ma’. „Nein, mein Pedal,“ sagt die Motorzentaurin, „den Fuß stell hier ab. „Was ist das“ fragt Ma’. „Ich.“ „Und hier?“ „Auch ich. Alles ich. Fass richtig an. Halt fest.“ Fügt man Passagen wie dieser Wesentliches hinzu, wenn man sie mit sparsamen szenischen Mitteln in den Sophiensälen auf die Bühne bringt? Eher nicht. Kann man sie so richtig verderben, wenn man sie mit todernsten Experimentalklängen singend dekonstruiert? Genau das ist passiert. Statt sich auf die Comicästhetik von Dusches Libretto „Die Zerstörung von Moskau ist keine Lösung“ einzulassen, mauert sich Sergej Newski zu sehr in seiner eigenen Klangästhetik ein – und kürzt auch noch die Handlung bis zur Unverständlichkeit. Zum Glück ist die Kurzoper nur ein Teil der neuen Staffel von „Kommander Kobayashi“. Die Opernsaga, die letztes Jahr von der freien Operntruppe Novoflot gestartet wurde, zeigt nämlich an jedem Abend zwei Folgen. Für „Scream you“ – Dusches zweites Libretto – zeichnet dabei die polnische Komponistin Aleksandra Gryka verantwortlich. Auch sie findet keine wirklich überzeugende Antwort auf die spacigen Klischees, mit denen Dusches Raumfahrtepos geschickt jongliert. Aber zusammen mit dem erfreulichen Sängerensemble und dem Ensemble Mosaik verrät sie Talent für prägnante Charakterisierung und hat wohl auch Spaß daran, die Handlung zu erzählen. Die sich ziemlich schnell als böse Parabel über ein von populistischen Zwillingen regiertes Gemeinwesen entpuppt (wieder heute 20 Uhr). Carsten Niemann

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