Kultur : KURZ & KRITISCH

Kolja Reichert

POP

Singen ist

Mut machen

Mit ihrem aktuellen Album „Verbotene Früchte“ machten Blumfeld Fans und Feuilletons ratlos. Warum sang der grüblerische Diskurspopper Jochen Distelmeyer plötzlich nicht mehr von Systemen, sondern von Äpfeln und Schmetterlingen? Ist das ironisch? In der Volksbühne geben Blumfeld die Antwort: irgendwie schon, aber irgendwie auch nicht. Die Väter der Hamburger Schule haben schlicht ihren Spaß, wenn sie mit dem unwiderstehlich voranrockenden Boogie-Woogie „Strobohobo“ loslegen.

„Komm raus zum Rhododendron / und zu den Orchideen“ – den Chor vom Album übernehmen Keyboarder Vredeber Albrecht und Bassist Lars Precht, charmant unbeholfen. Beim „Apfelmann“ scheint die Band vor Lachen fast abbrechen zu müssen. Doch Distelmeyer bleibt in seiner Rolle und erklärt anlässlich des Wahlsonntags: „Dies ist ein Song, der Mut machen soll.“

Bei „Tics“ beginnt das Publikum mitzutanzen. Keine Wünsche bleiben offen, Blumfeld zitieren aus fünfzehn Jahren windungsreicher Bandgeschichte. Grübelballaden wie „Viel zu früh und immer wieder Liebeslieder“, Anklagen wie „Diktatur der Angepassten“ – es passt alles zusammen. Auch deshalb, weil sich jeder selbst aussuchen darf, wie er etwas zu verstehen hat. Die seriös gekleidete Band gibt keine Attitüde vor. Vredeber Albrecht verbirgt sich hinter einem verschmitzten Lächeln, und Distelmeyers filigrane Wachsfigurenzüge sind unberechenbar. Nach zwei Stunden und einem bombastischen Finale mit „Verstärker“ singt er mit seiner Eiskristall-Stimme: „Ich bin okay / Die Welt ist schön / Ich lebe gern“. Es könnte ernst gemeint sein.

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ARCHITEKTUR

Bauen ist

Schatten werfen

Seit etlichen Jahren betreibt der Architekt Ulrich Müller in der Berliner Ackerstraße seine höchst erfolgreiche Architektur Galerie Berlin. Dort zeigt er Arbeiten, die die Schnittstelle zwischen Kunst und Architektur aus- und beleuchten. Nun hat Müller an der Karl-Marx-Allee einen zusätzlichen Werkraum eröffnet, der im Monatsrhythmus von ausgewählten Architekten bespielt werden soll. Und wenngleich hier ein Platz für „klassische“ Werkpräsentationen entstehen soll, so bleibt der künstlerische Anspruch Müllers doch deutlich spürbar.

Das beweist bereits der Auftakt mit Arbeiten des Berliners Stefan Höhne (Karl-Marx-Allee 96, bis 30. September). An der Rückwand des schlanken Ausstellungsraums hat Höhne Frontalansichten seiner Bauten und Projekte zu seiner stilisierten Stadtkomposition zusammengefügt. Wie Schattenrisse präsentieren sich die schwarz-weißen Hausbilder; ganz so, als hätte sich der Plan einer Stadt in die Vertikale erhoben. An diesen zeichenhaften Bildern wird die strenge Regelhaftigkeit erkennbar, die für Höhnes Architektur charakteristisch ist. Im angrenzenden Raum kehren die Bauten auf den Bildern einer Beamerpräsentation in ihre eigentliche Umgebung zurück. Jürgen Tietz

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KUNST

Malen ist

Farbe weglassen

Der Krieger hält Pfeil und Bogen griffbereit. Offizier Hamtukô, mit Pfauenfeder am Hut, wurde in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts arbeitsteilig auf der Seidenrolle verewigt – von einem chinesischen Anonymus und einem deutschen Jesuitenpater, der in den kaiserlichen Werkstätten logierte. Von seiner Hand stammt das naturalistisch gearbeitete Gesicht. Der Blick: grimmig.

Am Museum für Ostasiatische Kunst ist man seit langem ebenfalls verstimmt. „100 Jahre Sammeln chinesischer Malerei“ heißt die Jubiläumsausstellung, doch die stärksten Werke passen in zwei Kabinette. Denn wichtige Objekte lagern nach wie vor als „Beutekunst“ in russischen Magazinen (Lansstraße 8, bis 26. November). In Dahlem beschränkt man sich auf die Quing-Dynastie (1644 – 1911) und das 20. Jahrhundert. Und die jüngere Phase in der chinesischen Tuschekunst steht hier ganz im Zeichen des Tiers: Der Rotschopfkranich reckt den Hals, Krebse krabbeln durchs Wasser. Mit expressiver Eleganz, Picassos Stierkampfszenen sehr ähnlich, malt Wu Zuoren „Galoppierende Yaks in der tibetischen Hochebene“ im Jahr 1961. Das Leben nichtchinesischer Völker war bis zur Kulturrevolution als Sujet tabu. Von Wu Zuoren (1908 –1997), der schon in den dreißiger Jahren außerhalb des Kernlandes sowie in Europa unterwegs war, stammt auch die gemalte Kamelkarawane. Das Wüstenmeer, durch das sich der Zug schlängelt, ist nichts als blankes Papier: Wu war ein Meister in der Kunst des Weglassens. Jens Hinrichsen

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