Kultur : KURZ & KRITISCH

Michael Zajonz

KUNST

Zitronen

blühen lassen

Es duftet nach Wildkräutern und Zypressen, das Gärtnerhaus könnte bei Florenz oder in den Albaner Bergen stehen, hinter Säulen leuchten Mosaiken und Wandbilder wie in Pompeji. Die Römischen Bäder in Potsdam-Sanssouci lassen das Land, wo die Zitronen blühen, auf wenigen Quadratmetern lebendig werden: der ideale Ort, um Zeichnungen von Julius Schlegel auszustellen (bis 15. Oktober, Di-So 10-17 Uhr, Katalog 9,90 €) . 1825 als Sohn eines Hauptmanns und einer Potsdamer Bäckerstochter geboren, stieg Schlegel schon als Student der Berliner Akademie der Künste zum gefragten Landschaftsmaler auf.

Zwischen 1847 und 1855 lebte der heute nahezu unbekannte Künstler in Rom und verewigte die Stadt und ihre Umgebung in stimmungsvollen Ansichten. Nach Potsdam zurückgekehrt, zeichnete er fortan im Auftrag von König Friedrich Wilhelm IV. die Potsdamer Parklandschaft. Wilhelm I. erwarb eines seiner Gemälde auf der Akademie-Ausstellung in Berlin, und Friedrich III. ernannte Schlegel bereits als Thronfolger zu seinem Hofmaler und machte ihn später zum Zeichenlehrer seiner Kinder. Knapp siebzig Bleistiftzeichnungen und ein Aquarell aus der Sammlung der Königin Elisabeth erlauben den direkten Vergleich zwischen römischem Original und preußischer Nachschöpfung.

Ob Ansichten von Schloss Lindstedt und der Friedenskirche im Potsdamer Schlosspark oder vom Forum Romanum und der Villa Borghese: hier wie dort eine Italianità wie aus dem Bilderbuch. Der Spätromantiker Schlegel sah und suchte südliche Motive auf märkischem Sand. Als Bub nannte der spätere Kaiser Wilhelm II. seinen Zeichenlehrer nicht umsonst gern „Signore Schlegeliano“.

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KLASSIK

Nüsse

knacken

Schon zu Ende? Etwa sieben Minuten, hatte es geheißen, würde Philipp Maintz‘ Duo „Naht“ für Violine und Violoncello dauern. Aber die gefühlte Länge liegt klar darunter. Das will etwas heißen. Denn es war heiß und stickig geworden im Salon des Magnus Hauses über Regers erstem Streichquartett, mit dem das Minguet Quartett das Porträtkonzert der Ernst von Siemens Musikstiftung zu Ehren ihres Förderpreisträgers Philipp Maintz eingeleitet hatte.

Doch die ostinaten Töne, mit denen Maintz für Streit und Zusammenhalt in seinem Duo sorgt, sein mal kratzbürstiges, mal poetisches Spiel mit komplexeren Gesten und vielfarbigen Klängen haben die Lust am Spiel bei Ulrich Isfort und Matthias Diener noch mal gesteigert – und das teilt sich mit. Wer das Minguet Quartett beim Musikfest Berlin erlebt hat, freut sich, wie sich der zur Dominanz neigende erste Geiger und der zu vornehmem Understatement tendierende Cellist von Maintz zu direkterer Auseinandersetzung im Dialog motivieren lassen. Ein gelungener Wurf aus ähnlichem Geist ist auch der erste Satz des Streichquartetts „Inner Circle“. Es spricht durchaus für den 1977 in Aachen geborenen und jetzt in Berlin lebenden Komponisten, dass der „nucleus“ genannte erste Satz eine schwer zu knackende Nuss für das Finale darstellt.

Noch gelingt es dem für diesen Abend vollständig revidierten Schlusssatz aber nicht, auf die Prägnanz des Kopfsatzes mit einem so zwingenden Gegenentwurf zu antworten, dass über dem Kippen der Parameter nicht doch die Konzentration der Ausführenden und Hörer zu sinken droht. Carsten Niemann

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