Kultur : KURZ & KRITISCH

Daniel Völzke

POP

Jetzt singt

auch der Bassist

Selten drehte sich eine Diskokugel mit mehr Berechtigung über einer Rockband: The Rapture sind zurück und beglücken das in den Lichtspots tanzende Lido -Publikum mit dem ersten Deutschlandkonzert ihrer Tour. „Pieces Of The People We Love“ heißt ihr soeben veröffentlichtes Album (Universal), und darauf feiern sie wieder die gelungene Hochzeit von Rock und Funk. Die Live-Umsetzung gelingt den vier New Yorkern vorerst allerdings nicht so recht. Mal ist es hier zu leise, mal dröhnt es dort zu stark. Auch der Opener, das Titelstück der Platte, bleibt noch sehr verhalten. Doch schon in einem zweiten Anlauf bringen sie ihre geliebte Kuhglocke in Anschlag. Vor drei Jahren waren die Cowbells auf ihrer Single „House Of Jealous Lovers“ so etwas wie das pawlowsche Glöckchen, das in den Clubs schweißtreibende Reaktionen auslöste. Auch 2006 klappt die Konditionierung noch: Ab der Hälfte des Gigs ist der Knoten geplatzt und The Rapture klingen genauso aufregend wie je. Auch Bassist Matt Safer singt neuerdings, und das markante Heulbojen-Falsett von Luke Jenner tritt zurück. Selbst einige ältere Stücke übernimmt Safer – was schöne Variationen zulässt und der Musik ein wenig die Hysterie nimmt. Als bestimmendes Gefühl bleibt Seligkeit, die von der Diskokugel herabtropft.

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POP

Jetzt geht

die Party los

Dieses Konzert sollte mit dem Vorurteil aufräumen, dass Bands mit elektronischem Equipment live enttäuschende Performances abliefern. Hot Chip aus London stehen zu fünft auf der Bühne des ausverkauften Lido , und mindestens drei, meistens vier von ihnen bedienen irgendwelche Synthesizer- oder Keyboardapparate. Alexis Taylor, ein schmächtiges Energiebündel mit Kassengestellbrille, verkrallt sich in seine Keyboardbox, wenn er nicht gerade wie unter Stromstößen Rumbarasseln schüttelt. Er ist auch für den Großteil des hingebungsvollen Gesangs verantwortlich. Al Doyle bearbeitet unermüdlich Synthie-Tastatur, Gitarrensaiten, Bongotrommeln, Kuhglocken. Joe Goddard, neben Taylor zweiter Kreativkopf der Band, strahlt über beide Ohren. Seine Freude gilt dem enthusiastischen Publikum, das vom Opener „Keep Falling“ bis zur letzten Zugabe „Over And Over“ 80 Minuten durchtanzt und jeden Song frenetisch bejubelt. Die unwiderstehliche Verschmelzung melancholischer Gesangsmelodien mit tanzbaren Grooves stellt Hot Chip in eine Reihe mit großen britischen Bands wie New Order oder den Happy Mondays. Ein Hot-Chip- Konzert ist wie eine glücklich machende Party, bei der der DJ nur Lieblingslieder auflegt. Jörg Wunder

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