Kultur : KURZ & KRITISCH

Martin Wilkening

KLASSIK

Immer eigen

die Stimme

Im kommenden Jahr soll die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar wiedereröffnet werden. Die Gebäudeschäden durch den verheerenden Brand vor zwei Jahren werden dann behoben sein, die Schäden an Büchern, Musikalien und Kunstwerken noch lange nicht. 17,5 Millionen Euro hat die Klassik-Stiftung Weimar bisher an Spenden gesammelt, ein stattlicher Betrag, der auch als Appell zu weiterer Spendenfreudigkeit verstanden werden muss. Diese suchte das Benefizkonzert zu wecken, zu dem sich Musiker um die Sopranistin Christine Schäfer im Kammermusiksaal der Philharmonie versammelt hatten. Spielfreudig kitzelten Jörg Widmann, Eric Schneider und Georg Faust die Pointen aus Beethovens Gassenhauer-Trio, und in den Variationen aus Beethovens Klaviersonate op.109 zeigte der als Liedbegleiter überragende Eric Schneider, wie aus dem Geist der intimen Miniatur große Form wächst. Leslie Malton las vorwiegend Heiteres von und um Goethe, so etwa die vom Geheimrat erdachte 1. Bibliotheksordnung für Weimar. Vier Goethe-Lieder von Franz Schubert funkelten dazwischen kostbar. Den Balladenton im König von Thule entwickelt Christine Schäfer mit düsterer Macht, in den drei Gretchen-Liedern und Szenen entsteht ohne stöhnendes Pathos und kokette Naivität ein ebenso kühl seziertes wie anrührendes Rollenporträt: bohrende Selbsterforschung in Gretchen am Spinnrad, verzweifelte Selbstbeherrschung im Gebet im Zwinger und in absolut souveränem Einsatz der verschiedenen Stimmregister die Wahnsinnsszene im Dom. Noch tiefer ins Wunderreich der Stimme führte der Hirte auf dem Felsen, wo Jörg Widmanns Klarinette im Widerhall der Klüfte die Sopranstimme so tonlich einfühlsam und phrasierungsgenau umspielt, dass durch den Echo-Kitsch der Bergpoesie hindurch die elementare Faszination der Begegnung mit der eigenen Stimme als hochartifizielles Experiment erfahrbar wird.

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POP

Immer auf

der Reise

Eine Bühne, schwarz abgehängt. Ein Mann tritt hervor, ebenfalls komplett in Schwarz. Johnny Cash redivivus ? Die schlohweiße, schulterlange Mähne umrahmt das Gesicht. Spricht nun Gevatter Tod zu uns von den letzten Lebensmeilen? Niemand spricht. Dafür erklingt eine einsame Mundorgelmelodie. Diese erste Minute soll der intimste Moment von Edgar Froese mit seinem Publikum im Tempodrom bleiben, wo seine Schöpfung 40-jähriges Jubliäum feiert: Tangerine Dreams elektronischer Klangteppich war schon immer enigmatisch dunkel, auch wenn das sechsköpfige Kollektiv, das heute an ihm weiterwebt, sehr jung daherkommt. Über der von drei Synthesizern erzeugten dräuenden Unterwelt erheben sich Querflöte, Saxophon, Congas und ein Regenholz. Dazu zwei Gitarren. Schon die erste LP des Tangerinentraumes, „Electronic meditation“ (1970), soll eine akustische Darstellung des Raumes zwischen Leben und Tod gewesen sein. 40 Jahre danach durchmessen sie diesen erneut, symbolisiert als Fahrt von der Ost- zur Westküste der USA: Auf dem „Interstate 40“ geht die Fantasie des Publikums drei Stunden lang auf Reisen. Das Betonzelt mutiert zum Wohnmobil, mit psychedelisch-kuscheliger Auslegeware ausstaffiert. Dann das Ende: Mit knappem Winken verabschiedet sich Froese. Gibt es eine Wiederkehr? Sicher: Einige Bonusmeilen hat Gevatter Froese noch gut. Hans von Seggern

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KUNST

Immer knapp

bei Kasse

„No jokes on names“, lautet eine journalistische Regel. Für Ausstellungstitel galt bislang eher das Gegenteil: je origineller, desto besser. Nach dem Besuch der Abgebrannt -Schau in der Berlinischen Galerie könnte sich das ändern (Alte Jakobstr. 124-128, bis 8. Oktober). Zehn Stipendiaten der Senatsverwaltung für Kultur stellen hier aus, nachdem ein Feuer den hauseigenen Schauraum, die Kunstbank, vernichtete. Das Adjektiv „abgebrannt“ trifft häufig genug auch auf junge Künstler zu, die wiederum auf öffentliche Unterstützung angewiesen sind. Aus dem witzigen Dreh wird bitterböse Realität, das zeigt sich nun in den gezeigten Werken. Die aus Textilien, Stiefeln, Zement, Pappe gebauten Figuren von Iris Kettner wirken wie Kunst-Clochards. Sybille Kesslaus „Mappenmöbelgalerie“ übt Kritik am „Kunstbusiness, das wenige Künstler und deren Werke zur spekulativen Kunstware erklärt“. Wer mag, kann deshalb seine Kunstmappe auf einem eigens entwickelten, rollbaren Möbel hinterlegen und sich auf diesem Wege der Öffentlichkeit empfehlen. Das Kunstbusiness werden solche Seitenhiebe allerdings wenig stören. Michael Stevenson hat am Fall des australischen Künstlers Ian Fairweather die Frage durchdekliniert, worin der Wert von Kunst besteht. Fairweather stach in den Sechzigern mit einem Floß in See und strandete in Indonesien. Sein Floß teilten die Inselbewohner unter sich auf, machten Pfannen, Töpfe, Messer daraus. Stevenson spielt Floßbau, Recycling und damit den Umwertungsprozess ein zweites Mal durch. Reich wird er wohl auch nicht dabei. Nicola Kuhn

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