Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

POP

Genial ist

der Auftritt

Lordi – es gibt sie wirklich. Die Band ist keine Erfindung der Plattenindustrie. Auch steckt kein satanischer Karnevalsverein dahinter oder ein perverses Hardrock-Experiment der Kelly Family, sondern fünf Musiker aus Finnland, die sich folgenden Masterplan ausgeheckt haben: erstens ins Rockerfeld eindringen und mit oberflottem Monster-Outfit die Aufmerksamkeit der Zielgruppe erregen, zweitens den Eurovision Song Contest gewinnen und drittens mehr Tonträger verkaufen als Kiss und Alice Cooper.

Nachdem sie die ersten beiden Punkte abgehakt haben, sind sie nun auf Tour, um das Geschäft anzukurbeln und schnellstmöglich Punkt drei zu erfüllen. Ihr Konzert im Postbahnhof hat jede Menge Fans angelockt, die ihre Begeisterung meist in einem Wort zusammenfassen: „Genial!“. Wie sonst sollte man auch jene Gabe bezeichnen, die einen nach dem mächtigen Finale „Get Heavy!“ benommen zum Ausgang taumeln läßt, bis einem im Spätsommerwind klar wird, das dies erst das zweite Stück war.

Die Musik ist kaum der Rede wert: eine Rüpelei, die im Wesentlichen aus abgenudelten Hardrock-Riffs und schmierigen Disco-Beats besteht. Aber egal, die Monsterrocker liefern das zu erwartende Geisterbahnspektakel ab, frei von Erleuchtung, aber reich an Showeffekten: Kanonenschläge, Feuerwerk und ausklappbare Fledermausflügel. Ihren Grand-Prix-Gewinner-Song „Hard Rock Hallelujah“ spielen sie erst als letzte Zugabe. Noch ein Gruß aus der Munitionsfabrik. Dann hat der Schrecken ein Ende. Zurück bleiben Pulverdampf und Gänsehaut.

KLASSIK

Genial ist

die Rede

Rechts sieht man das Brandenburger Tor durch die Glasscheiben leuchten, links sind Klavier und Pulte für das Liszt-Trio Weimar aufgebaut. In der Mitte steht Mauricio Kagel. Der sympathisch unorthodoxe Avantgardist sinniert in der Akademie der Künste darüber, warum junge Komponisten neuerdings häufiger zu klassischen Genres wie Streichquartett oder Klaviertrio greifen, statt auf Computermusik zu fliegen. Sein Fazit, demzufolge die jungen Leute dem klassischen Genre dauerhaftere Wahrheiten zutrauen, schmeckt ein wenig nach Shell-Studie, aber natürlich drückt Kagel es hübscher aus: „Wenn sie nichts zu sagen haben, hört man es beim Streichquartett sofort.“ Übrigens hat auch der1931 geborene Kagel 1984/85 selbst ein Stück in klassischer Klaviertriobesetzung geschrieben. Dessen Aufführung leitet seine Rede ein. Während das Liszt-Trio es darbietet, kommt einem der böse Gedanke, ob man Kagel nicht lieber weiter über die Fährnisse modernen Komponierens zugehört hätte. Denn sein Trio enttäuscht trotz engagierter Interpretation durch eher simpel gereihte Strukturen und konventionelle Klangfarben. Weit größeren Eindruck macht Alfred Schnittkes zeitgleich konzipiertes Klaviertrio mit seinem Mut zu deutlichen Klassiker-Anspielungen. Doch auch der überraschend introvertierte Schluss von Kagels zweitem Klaviertrio berührt stärker. Ob das aber auch damit zusammenhängt, dass Kagel gerade erzählt hat, wie er das Stück am 11. September 2001 mit dem Gefühl intensiver Traurigkeit vollendete, ohne von den schrecklichen Anschlägen zu wissen? Carsten Niemann

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