Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollman

KLASSIK

Der Pianist

als Elefant

Durchweg russisch und sehr publikumswirksam gibt Kirill Petrenko mit dem Orchester der Komischen Oper den Saisonauftakt in der Philharmonie . Zu Beginn geht das Temperament allerdings mit ihm durch, Petrenko versucht etwas streberhaft, den ersten Satz aus Prokofjews Symphonie classique noch zackiger zu spielen, als man das ohnehin kennt. Dem eleganten Gestus der Musik tut das nicht gut, aber schon im zweiten Satz finden Orchester und Dirigent zur Ruhe. Die herrliche Gavotte wird dann so liebevoll und prätentiös serviert, wie eine englische Hausdame das mit dem Fünfuhrtee macht.

Mit Andrei Gavrilov erklimmt nun ein Pianist die Bühne, der wohl keine englischen Hausdamen mag, sich dafür aber schon im Mutterleib gewaltig mit spätromantischer russischer Musik vollgesogen hat. Gleich in der berühmten Introduktion von Rachmaninows zweitem Klavierkonzert gibt er – man hat ja einen Ruf zu verlieren – den Elefanten. War das nun der Flügel, der unter seinen Pranken ätzt, oder das Podium? Egal, Gavrilov schlägt sich großartig, stanzt am Ende seine Akkorde wie mit einem Brandeisen in die Orchesterflanke. Aber erst in seinen beiden Prokofjew-Zugaben hört man, was dieser Pianist wirklich kann. Erst spuckt Gavrilov in einer sarkastischen Nummer Gift und Galle, dann streichelt er den Flügel (der das jetzt wirklich nötig hat) so zart und leise wie eine jungfräuliche französische Klavierelevin. Dergestalt schon kräftig aufgeheizt gibt sich das Orchester nach der Pause in Strawinskys Petruschka-Suite ganz seinem Dirigenten hin. Riesenbeifall für diesen Saisonauftakt.

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COMEDY

Die Queen

in Unterhose

Der Liebesakt zur englischen Nationalhymne? Schrecklich langweilig. David und Victoria Beckham sind auch nur Durchschnittsbriten, und die Queen, eingefroren im protokollarischen Lächeln, zeigt mal kurz ihre Unterhose im Union-Jack-Design. Dagegen fällt Napoleon über seine Josephine her, als gelte es, den Russlandfeldzug zu gewinnen. Bis Humphrey Bogart dazwischenschießt. Abschiedsszene aus „Casablanca“, aber mit Hindernissen: „Your glasses are too big“, sagt er. „Your lips are too small“, wimmert sie. Im Tipi präsentieren Mark Britton und Krissie Illing, alias William und Wilma, eine überarbeitete Neuauflage ihres legendären Programms Great Lovers in History . Zwischen diesen Spots und allerlei Spott verheddert sich das britische Komödiantenpaar ständig in seiner eigenen Lovestory. Mit ihrem klamottigen Outfit, den schwarzrandigen Kassenbrillen und ihrem von Cockney und schniefenden Oxford durchsetzten Englisch verkörpern William und Wilma die Next-door-Skurrilität des Vereinigten Königreichs. „Maine Damen und Irren“: herrlich albern ist das, eine intelligente Blödelei und manchmal auch zum Brüllen komisch. Slapstick mit einer Prise Stand-up, gekonnte Choreografien der Tollpatschigkeit. Am besten sind Britton und Illing, die sich Nickelodeon nennen, wenn gar nichts passiert. Bühnenlicht aus, Saalbeleuchtung an. Da stehen die beiden wie nackt, beklommen, auf sich selbst zurückgeworfen. Bis dann die „Technik“ wieder „funktioniert“, erlebt das Publikum Momente brillanter Situationskomik. Understatement als Komik – das ist britischer Humor at its best (bis 22. Oktober, Di-Sa 20.30 Uhr, So 19.30 Uhr) . Roman Rhode

FILM

Krieg um

Knöpfe

Fernbedienungen sind eine prima Sache. Uns Sofakartoffeln ermöglichen sie ein Leben aus der Distanz – bei minimaler Bewegung. Allein, es sind zu viele. Fernseher, Videorecorder, DVD, Garagentor – schnell geht der Griff daneben, und auch das Telefon verwechselt man gerne mal mit den Zauberkästen. Eigentlich will Michael Newman (Adam Sandler), ein Papa zwischen Bürowahnsinn und Familienterror, mit einer Universalfernbedienung nur den heimischen Gerätepark übersichtlicher machen. Doch das Zauberwerkzeug, das ihm ein mysteriöser Tüftler (Christopher Walken) andreht, kann viel mehr. Per Knopfdruck kann der erstaunte Papa das Geschrei der Kinder stumm stellen, die Strafpredigt der Ehefrau vorspulen und die Schwiegereltern aus dem Bild zoomen. Ein ideales Spielzeug – mit Tücken, natürlich. Wollen wir wirklich das eigene Leben vorspulen und uns im Zeitraffer alt, fett und fies werden sehen? Schon in Echtzeit ist das hart genug.

Frank Coracis Komödie Klick spielt die Idee des ferngesteuerten Lebens sorgsam durch. Dabei bleibt kein Knopf ungedrückt – von der Zeitlupe übers Standbild bis zu Sprachwahl und Untertiteln. Eine Zeit lang ist das ganz unterhaltsam, auch das Comeback von David „Knight Rider“ Hasselhoff als testosteronstrotzendes Ekel ist lustig geraten. Doch spätestens nach dem zwölften Tastendruck sehnt der Kinobesucher sich das vorhersehbar moralinsaure Ende herbei. Übrigens, wie wäre es mit einer Fernbedienung, jetzt ganz schnell? (In 19 Berliner Kinos; OV im Cinestar SonyCenter) Bodo Mrozek

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