Kultur : KURZ & KRITISCH

Silke Laux

OPER

Sitcom

mit Nebelschwaden

Mittendrin springt Orlando vom Esstisch auf – nicht eine Sekunde hält er das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Familienmitglieder zur Paarungszeit mehr aus. Das Ende der Pseudoharmonie bahnt sich bereits an, als alle den Fraß der Haushälterin in sich hineinwürgen. Ursprünglich war Orlando ein Heldenepos aus dem 15. Jahrhundert, aber Rainer Holzapfels Inszenierung an der Neuköllner Oper interessiert sich mehr für den Geschlechterkonstruktivismus bei Virginia Woolf als für Ruhm oder Liebe. Orlando sucht seine Identität als Mädchen – und wie schon das Barock die ungezügelte Leidenschaft verdammte, so sieht auch Orlandos Vater darin nur eine Krankheit.

Ganz im Sinne Händels beweist die Neuköllner Fassung instrumentelle und musikalische Experimentierfreude: Das atonale Solo der Harfe erinnert an das Naturidyll der Oper und rührt ebenso an wie das Akkordeon in seinen langsamen Passagen. Die im Saal verteilten Tasteninstrumente verfolgen hingegen zu oft eine getrennte Agogik. Darüber glänzen die Stimmen, Susanne Langners Mezzosopran (Orlando) und Cassandra Hoffmanns Sopran (Dorinda). Sprachlich zielt das Stück auf Sitcom-Klamauk, doch die Pantomime der Sänger hebt es in die Klasse von Shakespeares Verwechslungskomödien. Auf ein Happy End wie bei Händel warten die Zuschauer jedoch vergeblich. Orlando, vom Vater bestraft, sitzt im Schlussbild am Klavier und spielt die immergleichen Sekundabfolgen. Ein Suchender, ein Gefangener (wieder am 4., 5., 7., 8. und 11. Okt., 20 Uhr).

HIPHOP

Playback

mit Donnern und Sirenen

Als Feuerwerk und Funkenfontänen verschossen sind, steigt die Hiphop-Königin in einen Kugelkäfig. Ihre Crew bedeckt die Konstruktion mit einem Tuch, und – hexhex – fort ist Missy Elliott . Ein letzter Konfettiregen, der von der Decke der Arena fällt, kann nicht das schale Gefühl beseitigen, das sich nach ihrem ersten Berliner Auftritt einstellt. Gerade sah man noch das Coverfoto ihres kürzlich veröffentlichten Greatest-Hits-Albums: Die wichtigste Vertreterin heutiger afro-amerikanischer Musik sitzt auf einem Rappen, die Zügel in der Hand. „Respect M.E.“ fordert der Titel. Gerne doch, dachte man. Seit einer Dekade reiten die heute 35-jährige Melissa Arnette Elliott und ihr Produzent Timbaland mit atemberaubendem R’n’B und Hiphop voraus. Doch hier in der Arena tritt Missy nur als gut gelaunter Conférencier einer Tanzrevue auf.

In wechselndem, strassbesetztem Aufzug ihrer eigenen Modelinie treibt sie mit ellenlangen Animationen die Spannung in Höhen, in denen sie die Erwartungen nicht mehr einfangen kann. Wenn sie tatsächlich mal performt, zerhackt sie ihre ohnehin stakkatohaften, hysterischen Tracks. Meist lässt sie nur einige Zeilen hören, rappt über ihre eigene Playbackstimme, und der DJ fährt ihr mit Donnern und Sirenen in die Parade. Gut, dass sie ihren Tänzern so viel Raum gibt. Zu den schwierigen Beats bewegen sie sich im aggressiven Krumping, dem jüngsten Tanzhype der Westküste, der so bizarr wirkt, als wäre er nur für Missy Elliotts Musik erfunden worden. Daniel Völzke

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