Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

KUNST

Kastanien

in der Schürze

Das Mädchen treibt selbstvergessen einen Spielreifen vor sich her. Auf einem anderen Foto ist „Putzi“ in die Kastanien vertieft, die sie in ihrer Schürze gesammelt hat. Wenn Ella Bergmann-Michel (1895-1971) spielende Kinder fotografierte, dann ohne Sentimentalität. Auch ihre Bilder von Straßenarbeitern, Passanten oder Schaufenstern tragen den Stempel der „Neuen Sachlichkeit“. Das Verborgene Museum , spezialisiert auf Kunst von Frauen, zeigt Bergmann-Michels Fotoarbeiten und Dokumentarfilme der späten Zwanziger- und Dreißigerjahre.

Mit Materialcollagen und konstruktivistischen Lichtprojektionen hatte sich die mit Moholy-Nagy und Schwitters befreundete Künstlerin früh einen Namen gemacht, ab 1926 traten Fotografie und Filmarbeit im Bund „Das neue Frankfurt“ hinzu – ohne dass Bergmann-Michels Faible für Formen, Ornamente, Licht und Schatten von plattem Realismus verdrängt worden wäre. Die vom Essener Folkwang-Museum übernommene Ausstellung präsentiert Kurzfilme wie „Fischfang in der Rhön“ oder „Wo wohnen alte Leute“ über ein von Mart Stam entworfenes Frankfurter Altersheim (die zwischen 1913 und 1933 entstandenen Filme sind auch auf einer DVD der „Edition Filmmuseum“ zu haben). Mit der NS-Diktatur kam für die regimekritische Frankfurterin die künstlerische Zwangspause. Mitten in einer Dokumentation über die Nazis im Januar 1933 wurde sie vorübergehend festgenommen. Der filmische Torso „Wahlkampf 1932“ beklemmt auch heute als Dokument der letzten Tage einer Republik (Schlüterstr. 70, bis 19. 11., Do-Fr 15-19, Sa u. So 12-16 Uhr, Katalog 20 Euro) .

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ARCHITEKTUR

Wiener

auf Wanderschaft

Sie sind kreativ, motiviert und humorvoll, arbeiten bevorzugt im Kollektiv und haben nicht nur skurrile Namen, sondern auch die besten Voraussetzungen. Wiens junge Architekten sind auf Wanderschaft und präsentieren sich mit ihrem Projekt YO.V.A.- Young Viennese Architects entsprechend selbstbewusst bei Aedes West (Else-Ury-Bogen 600, bis 25. Okt.).

Fünfzehn Nachwuchsgruppen hat die Stadt Wien für das Förderprojekt ausgewählt, welches die junge Wiener Architekturszene in den europäischen Nachbarstaaten bekannt machen soll. Der Architektennachwuchs der Donaustadt allerdings lässt sich kaum über einen Kamm scheren, stellen sich hier doch Gruppen in verschiedenen Entwicklungsstufen vor: Vertreten sind stärker konzeptionell arbeitende Jungarchitekten wie AllesWirdGut, feld72, OOOyO Architekten, aber auch schon realisierende Büros wie querkraft, pool, Caramel, gerner°gerner und Treusch architecture.

Alles andere als homogen sind dann auch die Themen, mit denen sie sich auseinandersetzen. Vor allem die jüngeren Architektenteams überzeugen mit interessanten Ideen, wie beispielsweise der Stickeransatz von feld72. Intervenieren wollen die Anfang 30-Jährigen in der bösen Stadt und jeder kann da mitmachen: Einfach Sticker mit Aufdrucken, wie „Hier will ich Aussicht“ an besondere Orte kleben und die Stadt bunter machen.

Der klug konzipierten und schlichten Wanderausstellung gelingt eine schöne Momentaufnahme der in die Welt strömenden Wiener Architekturschaffenden. Constanze Weiske

KLASSIK

Pulverdampf

aus der Trompete

Als er mit näselnder Stimme Egmonts Todesurteil verliest, liefert sich Boris Aljinovic einen Streit mit dem Schlagzeuger, der seine Worte begleiten soll. Die satirische Brechung ist kalkuliert. Egmonts letzte Worte, in denen sich politische und erotische Visionen vermengen, ruft der Schauspieler mit ungeschützter Überzeugung in den Kammermusiksaal der Philharmonie. Dem können sich weder die Musiker des Deutschen Kammerorchesters Berlin noch der Dirigent Markus Poschner entziehen. Zwar hatte man bei der Ouvertüre zu Beethovens Schauspielmusik noch political correctness bewahrt und das aggressiv zum Schluss drängende Trompetengeschmetter stark in den Orchesterklang eingebettet. Doch jetzt, wo das gleiche Motiv die Siegessymphonie beendet, die auf Egmonts Tod folgt, ist Eindeutigkeit gefragt: Der Dirigent gibt dem Trompeter selbst das Zeichen, selbstgewiss hervorzutreten.

Der Pulverdampf, der über der packend theatralischen Aufführung von Beethovens Schauspielmusik liegt, verzieht sich auch bei der Sinfonia Eroica nicht. Poschner, der neue 1. Kapellmeister der Komischen Oper, zeigt, wie sehr dieses Stück von der französischen Revolutionsmusik beeinflusst ist. Mit scharfem Blick für Details bettet er eine Vielzahl von opernhaften Stimmungsschilderungen in die Musik ein, ohne die abstrakte Logik zu vergessen, mit der Beethovens Motive entwickelt werden. Carsten Niemann

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KLASSIK

Romantiker

unter sich

Russische Seele ist einfach nicht totzukriegen. Die Programmumstellung aufgrund einer unfallbedingten Verspätung des Solooboisten Albrecht Mayer – für die Intendantin Pamela Rosenberg mit viel Charme um Verständnis wirbt – verdeutlicht schlagartig die Substanz des Konzerts der Berliner Philharmoniker mit David Zinman : Unmittelbar hintereinander gespielt offenbart sich die innige Beziehung von Tschaikowsky und Strawinsky, zeigt sich die Sehnsucht des kühlen Konstrukteurs nach dem Melos und der scheinbar naiven Gestik des Romantikers. Ohnedies sind „Four Norwegian Moods“, der Mittelsatz von „Ode“ und „Scherzo à la Russe“ allesamt zunächst für das Hollywood-Kino entstanden, in den Kriegsjahren 1942-44, in denen es Strawinsky um Vergewisserung seiner Wurzeln zu tun war. Vor allem dem derb lärmenden „Scherzo“ gibt Zinman augenzwinkernde Anmut, lässt die Trompeten mit fein dynamisierten Akzenten aufspielen und stellt die unbeholfen tapsenden Parallelgänge von Harfe, Klavier und Solovioline quasi nackt aus. Auch Tschaikowskys 2. Sinfonie, der zumeist folkloristisch aufgefassten „kleinrussischen“, lässt Zinman ein Raffinement angedeihen, das aus Präzision kommt, aber auch aus Begeisterung. So erhält das Scherzo aus seinen rhythmischen Verschiebungen eine vorwärtstreibende Spannung, Humor blitzt noch aus den einfachsten Begleitfloskeln, und klar wird auch, woher Strawinskys Zauberer Kaschtschei aus dem „Feuervogel“ stammt.

In die solistisch geschliffene Virtuosität fügt sich das Flötenkonzert von Marc-André Dalbavie mit dem exzellenten Emmanuel Pahud ein, und doch bleibt die Uraufführung mit ihrer geschmeidigen Geläufigkeit und gleißenden Klangpracht ein Fremdkörper. Bei allem Effekt fehlt das Wichtigste: die Seele. Isabel Herzfeld

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