Kultur : KURZ & KRITISCH

Christine Lemke-Matwey

KLASSIK

Wille und

Verve

Im Foyer der Deutschen Oper liegt neuerdings eine Art Gästebuch aus. Ein dicker Foliant, in dem der Besucher als solcher sich gerne verewigt. Kleine und größere Gemeinheiten finden hier Platz, Stimmen zur „Idomeneo“-Debatte, natürlich, und viele Dankesworte, sogar, was lustig aussieht, in kyrillischen und japanischen Schriftzeichen. Gemessen am Jubel im Saal nach Juan Diego Florez ’ Liederabend, werden nun die Hymnen wohl die Oberhand gewinnen. Ein sehr schlankes halbes Stündchen mit Mozart und Rossini vor der Pause, ein ebenso schlankes danach (Fauré, Massenet, Bizet, Donizetti und Rosa Mercedes Ayara de Morales) sowie regelrecht üppige 35 Minuten für die Zugaben – und die Gesichter, Augen, Herzen im nahezu ausverkauften Haus leuchteten.

Neben Rolando Villazon, Joseph Calleja und vielleicht noch José Cura gilt der Peruaner als eines der internationalen Superstarlets unter den lyrischen Tenören. Nach ein paar Nervositäten zu Beginn (erst bei Ottavios „Il mio tesoro“ aus „Don Giovanni“ wollte sich bei ihm ein etwas biegsamerer, persönlicherer Mozart-Ton einstellen), begann man zu ahnen warum: Florez ist nicht nur ein echter tenore di grazia , mit einer kleinen, feinen, gut tragenden, jugendfrisch timbrierten Stimme – er hat durchaus auch das gewisse Etwas. Selbst wenn dieses im Riesenrund in der Bismarckstraße, vor Stellwänden mit Malersaalmalereien, nicht ganz zur Geltung kam, vieles zu steif blieb und einfach zu brav, zu beflissen: Die Latino-Melancholie, in die er Rossinis „L’esul“ tauchte, die butterweichen Phrasenenden bei Faurés „Après un rêve“, die blitzsaubere Atemtechnik, das gut fokussierte Crescendieren in Massenets „Ouvre tes yeux bleus“ – das flößt Respekt ein. Und Florez hat eben auch das sprichwörtliche hohe „c“, bei Rossini wie im Zugabentaumel zwischen „La donna è mobile“ und „Granada“. Keine mühelosen Höhen, nein, im Fortissimo bisweilen sogar bedrohlich eng, aber immer mit Wille und Verve in Angriff genommen und von Vincenzo Scalera am Klavier hochroutiniert unterstützt.

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KLASSIK

Hölle und

Harmonie

Jeder Künstler wünscht sich, etwas Eindrückliches zu Leben und Tod zu sagen. Beim Konzert des Rias-Kammerchors unter der Leitung seines designierten Chefdirigenten Hans-Christoph Rademann im Kammermusiksaa l der Philharmonie gelang dies vor der Pause höchst eindrücklich. Fünf Motetten aus Johann Hermann Scheins „Israelsbrünnlein“ hatte man vorgetragen: Vexierbilder aus der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs, um Trauer, Tod und Verlassenheit kreisend, dabei neugierig unterschiedlichste Klangtexturen auslotend und in der Interpretation eine ungeheuer gelassene, „anmutige italiänische Madrigalische Manier“ bewahrend. Perlen, die zu kostbar sind, um sie direkt aufeinander folgen zu lassen. Zwischen den Sätzen bot das Duo Gelland Ole Lützow-Holms brandneue Improvisationen „Terra I – IV“. Nach Scheins Kriterien ein teuflischer, chaotischer Kontrast – und doch gelang es dem schwedischen Violinduo, das komplexeste Musik mit der Intensität von Folkgeigern darbietet, immer wieder, Störfaktor und Partner in einem zu sein.

Das letzte Wort Scheins geriet so zum zeitlosen, spürbar echt empfundenen Bekenntnis des Chors zu einer Harmonie, die die Dissonanz nicht verleugnet: „Allein, die da leben, loben dich, wie ich es jetzt tu.“ Dem war kaum etwas hinzuzufügen. Die drei Uraufführungen von Chorwerken der nordischen Komponisten Peter Schuback, Sunleif Rasmussen und Hakan Larsson nach der Pause blieben als reizvolle Klangverbindungen zwischen A-cappella-Chorklang, intensiven Altsoli und Violinduo im Gedächtnis – mit Texten von Rilke bis zur Schöpfungsgeschichte. Carsten Niemann

Das Konzert wird im DeutschlandRadio am 17.10. um 20.03 Uhr übertragen.

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KLASSIK

Diskurs und

Doppelgriffe

Hohlwangig beginnen die Klarinetten Wolfgang Rihms „Ernsten Gesang“. Das 1997 zum 100. Todestag von Johannes Brahms uraufgeführte Stück entfaltet sodann ein dunkel mäanderndes Netz tiefer Stimmen, meist an der Schwelle zum Wohlklang, ohne diese zu überschreiten. Lothar Zagrosek nutzt Rihms Brahms- Hommage im Konzerthaus als nachdenkliche Einstimmung für das Brahms’sche Violinkonzert, und das ist wohl typisch für ihn: Andere hätten vielleicht eher einen zigeunerisch-ungarischen Appetithappen serviert, aber Zagrosek will nicht nur begeistern, er will den Diskurs.

Wie kommunikativ der neue Chef des Konzerthausorchesters dirigieren kann, zeigt sich dann im Zusammenspiel mit der holländischen Geigerin Isabelle van Keulen . Fast wie im Zwiegespräch führen die beiden durch Brahms’ schwierige Partitur, allein körperlich ist van Keulen so nah am Dirigenten, dass man meint, dieser könnte bei einer der vertrackten Doppelgriffpassagen doch ruhig mal selbst mit Hand an die Geige legen. Nach der Pause kommt das Konzerthausorchester dann wie in neuen Kleidern auf die Bühne. Die Streicher, eben noch im dicken Brahms-Ton zu Hause, spielen Beethovens Siebte so schlank und vibratolos, als hätten sie in ihrem Leben nie etwas anderes gemacht. Produzieren delikate Detaildynamik im zweiten und im dritten Satz und lassen die filigranen Rhythmen im Finale ordentlich knistern. Sicher befindet sich Lothar Zagrosek im Konzerthaus noch in der künstlerischen Aufwärmphase. Aber die Betriebstemperatur bei Musikern wie im Publikum ist an diesem Abend schon spürbar höher als noch beim Saisoneröffnungskonzert. Ulrich Pollmann

KUNST

Hexen und

Heimlichkeit

Wie eine Super-Nanny sieht „Khaddousch“, die Haushälterin aus seinen Kindertagen, nicht gerade aus. Marwan hat sie 1966 gemalt und nun zur Titelfigur seiner Ausstellung in der Berlinischen Galerie erkoren. Ein Aquarell und ein Ölbild zeigen eine hexenhafte Gestalt, deren gebückte Haltung allerdings auch Mitleid weckt. Ebenso wirken die anderen Menschenbilder, die „Das unbekannte Frühwerk“ Marwans birgt, dubios bis erbarmungswürdig (Alte Jakobstraße 124, bis 7. Januar, Mo–So 10–18 Uhr).

Marwan wurde 1934 in Damaskus geboren und lebt seit 1957 in Berlin, wo er an der Hochschule der Bildenden Künste seit 1980 als Professor lehrt. Seine verschollen geglaubten Aquarelle, Tuschen und Zeichnungen förderte der Künstler selbst aus den untersten Schubladen seiner Grafikschränke zutage und wirft damit ein Schlaglicht auf die Genese seiner zwischen abstrakter Expression und melancholischer Gegenständlichkeit changierenden Kunst. Ergänzend sind Ölbilder zu sehen: „Figuration“ (1963/64) erinnert an die Malerei Francis Bacons – und wird mit zeitgleich entstandenen Tuschezeichnungen Marwans konfrontiert. Die Ausdruckswut dieser Blätter enthüllt, mit welcher Energie der Künstler auf der Suche nach einer Synthese zwischen dem damals dominierenden informellen Stil und einer „pathetischen Figuration“ war. Von unerfüllter Erotik geprägt sind seine surreal-unheimlichen Figurenporträts, in denen die Körper vibrieren und Gliedmaßen ihr seltsames Eigenleben führen. Jens Hinrichsen

KUNST

Zeit und

Zweck

Jeden Morgen fotografiert Harvey Keitel in Wayne Wangs Film „Smoke“ dieselbe Straßenecke in Brooklyn. In elf Jahren drückte er insgesamt 4000-mal auf den Auslöser. Das von Keitel verkörperte Ritual und die Intention von Wangs Film verfolgen dasselbe Ziel: die Zeit und ihr Surrogat im Bild in Einklang zu bringen. Um das Verstreichen von Zeit an einem einzigen Ort geht es auch in Window , einem Langzeitprojekt des Fotografen Reiner Leist . Zwischen März 1995 und Ende 2005 fotografierte der 1964 in Ingolstadt geborene Künstler mit einer Plattenkamera des 19. Jahrhunderts einmal täglich den Blick aus seinem New Yorker Apartment in der 8th Avenue. Resultat des Selbstversuchs: 2200 Schwarzweißfotos. Alle diese Aufnahmen zeigt das Berliner Museum für Fotografie derzeit in einem spektakulären Arrangement (Jebensstraße 2, bis 7. Januar, das Begleitbuch ist bei Prestel erschienen und kostet 69 €). Vor den ruinösen Wänden des Kaisersaals spannen sich Schauwände, die in ihrer Rasterung an Hochhausfassaden erinnern. Jedem Tag der knapp elf Jahre ist ein hinterleuchtetes Feld zugewiesen. Die Fotos sitzen kalendarisch präzise in ihrem Feld; an Tagen, an denen Leist nicht in New York war, bleibt es schwarz. Die vom Fotografen gebannte Zeit schreibt ihre eigene Partitur. Sie ist abstrakt und erzählerisch zugleich. Unweigerlich sucht der Betrachter mit den Augen jene Tage um den 11. September 2001, wo am Horizont statt der vertrauten Doppeltürme das unfassbare Nichts aufscheint. Michael Zajonz

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