Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

POP

Spindeldürr

für die Obsession

Solange Strom fließt, wird es immer Leute geben, die eine Rock-’n’-Roll-Band gründen. Das gilt nicht nur für den nächsten Häuserblock, sondern auch für das andere Ende der Welt. So könnte man weiterdichten über die Datsuns aus Neuseeland, vier blasse, spindeldürre Jungs mit langen Haaren, die sich ihre Musik aus den stärksten Momenten von Hard- und Punkrock zusammenklauen. Mit „Smoke & Mirrors“ haben die Überflieger des Retro-Rock-Revivals gerade ihr drittes Album vorgelegt: ein euphorisches Früh- bis Spätsiebzigeridyll, mit Arrangements authentischer als die Wirklichkeit, Hardrock-Bubblegum in Aspik – eine fetzige Musik, die schon als Konserve überzeugt. Doch erst bei der Live-Präsentation im Lido bricht sich wahre Energie bahn. Die Datsuns zelebrieren die hymnischen Rock-Rituale der Gegenwart als tobenden Raubzug durch die staubigen Plattenregale der privaten Pop-Obsessionen, bis man meint Led Zeppelin, T. Rex und die Ramones gleichzeitig zu hören. Rockerhaft. Einen Weg bahnen, die anderen wegschubsen, sie wissen schon, wie es gemeint ist. In allergrößter Freundschaft. So sind die Datsuns.

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KLASSIK

Glanzlicht auf

dem Märchenton

Jüngst hat er in Salzburg als Intendant Franz Schrekers Oper „Die Gezeichneten“ auf die Bühne gebracht, jetzt setzt sich Peter Ruzicka am Pult des Rundfunk-Sinfonieorchesters für deren Musik ein. In der Philharmonie erklingt das ausgedehnte Vorspiel, ein Konzentrat der Oper, die am Vorabend des 1. Weltkriegs das fast Houllebecq’sche Szenario einer Kampfzone um Aus- und Entgrenzung durch Sexualität entwirft. Ruzicka schöpft das Fließende und Weiterdrängende dieses Musikstroms voll aus. Zu berühren vermag dessen schwüle Eleganz weniger, nicht zuletzt wegen der effekthascherischen Instrumentation, mit der Schreker auch die Suite „Der Geburtstag der Infantin“ aufpumpt, bei der im Riesenorchester neben Gitarre und Mandoline gleich neun Schlagzeuger dem Märchenton Glanzlichter aufsetzen. Nichts ist hier zu vernehmen von der Entfremdung, die aus Mahlers Musik spricht. Dessen „Todtenfeier“ wird in der ganzen dramatischen Tiefe des gestaffelten Klangraumes erfahrbar, mit großem Atem und klug disponierten Steigerungen. Vorangestellt Ruzickas Klarinettenkonzert „Erinnerungen“. Jörg Widmann als Solist arbeitet die Physiognomie dieses ebenso spielerischen wie leidenschaftlichen Stückes mit präziser Artikulation heraus, jede Geste wird zum Zeichen, Träger von Erinnerung. Martin Wilkening

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