Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

POP

Und ewig rockt

der Glitzer-Boy

Nichts mache ihn glücklicher, als auf der Bühne zu stehen und für seine Fans zu singen, sagt Steve Harley . Die letzten 35 Jahre habe er ein schönes Leben gehabt, im „music biz“ mit all den „ups and downs“. Und jetzt sei er nun mal „back to the fucking clubs“. Harley lacht. Das mit der „Rückkehr in die kleinen Clubs“ sagt er noch öfter, um zu betonen, dass er, der große Popstar, eigentlich zu höheren Bühnen berufen ist. Tatsächlich war er in den Glam-Rock-Zeiten der siebziger Jahre mit seiner Band Cockney Rebel neben David Bowie und Mott The Hoople einer von den englischen Glitzer-Boys, die mit ihren Hits die größten Konzertsäle beschallten.

Heute ist das knallvolle Quasimodo genau richtig für den 55-jährigen Londoner und die neueste Inkarnation von Cockney Rebel. Mit einem brillant transparenten Klang von Keyboards und Violine. Einem vorzüglichen Gitarristen, der wechselt zwischen Stratocaster und einer hübschen gelbblonden Gretsch, aber meistens akustische Gitarre spielt, wie Harley selbst. Drummer Stuart Elliot, schon 1973 in der Urformation von Cockney Rebel, klopft immer noch einen soliden Beat. Und da sind auch wieder die Songs aus den Glanzzeiten: „Judy Teen“, „Mr. Soft“, „Mr. Raffles“. Und die Glamrock-Version von George Harrisons „Here Comes The Sun“. Der schmächtige Harley mit der angenehmen Stimme wirkt immer noch wie ein musikalischer Neffe von Ray Davies. Seine melodiösen Midtempo-Songs changieren von Moll zu Dur. Von Melancholie zu ausgelassener Fröhlichkeit. Dazwischen der Pomp von „Sebastian“. Die Fans singen mit: „Come up and see me, make me smile.“ Und lächeln immer noch, als Harley das Gebäude verlassen hat.

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KUNST

Und ewig hockt

das Kuppeldach

Werke der Weltkunst beanspruchen Einmaligkeit. Im Mittelalter, das unseren modernen Kunstbegriff nicht kannte, belastete man sich noch keineswegs damit. Bewährte Formen wurden repliziert. Im Berliner Kunstgewerbemuseum können nun zwei herausragende Werke mittelalterlicher Sakralkunst verglichen werden, die sich wie Zwillinge ähneln. Die beiden Kuppelreliquiare aus Berlin und London gehören zur Weltspitze hochromanischer Schatzkunst. Entstanden sind die mit bunten Grubenschmelzplatten und Heiligenfigürchen aus Walrosszahn geschmückten Reliquienbehälter in Form byzantinischer Kreuzkuppelkirchen Ende des 12. Jahrhunderts in Köln. Das 45 Zentimeter hohe Berliner Exemplar wurde 1935 mit dem Welfenschatz aus Braunschweig erworben, das zehn Zentimeter höhere Londoner Stück gelangte 1861 aus einer russischen Privatsammlung ins Victoria and Albert Museum. Nun sind sie am Kulturforum vereint (bis 19. 11., Katalog 13,50 €). Das Gemeinschaftsprojekt von Kunstgewerbemuseum und dem Londoner „V&A“ ist mehr als eine Ausstellung: Die erfolgreiche Restaurierung des Berliner Reliquiars zwischen 1989 und 1994 hat die Londoner Kustoden im letzten Jahr dazu ermutigt, ihren Schatz in Berlin konservieren und erforschen zu lassen. Am 20. Oktober versammeln sich Experten aus aller Welt angesichts der Originale zum Kolloquium: Unter ihren goldglänzenden Kuppeln bergen die Zwillinge noch manches Geheimnis. Michael Zajonz

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KUNST

Und ewig lockt

der Ferne Osten

Kein Künstler sieht seine Werke gerne im Flur ausgestellt. Wirkungsvoller, angemessener ist der Ausstellungssaal. Flure sind Zwischenräume, wie eine Zwischenlösung. Das Museum für Ostasiatische Kunst hat aus seiner Not eine Tugend gemacht – und nennt seinen Flur bedeutungsvoll „Raum für neue Kunst“. Dort, im ersten Obergeschoss, zeigt Thomas Baumhekel kalligrafische Arbeiten (bis 12. 11., Lansstraße 8). Unter dem Titel Zeichensprache hängen sieben weiße Schriftbahnen von der Decke herab, darauf buddhistische und daoistische Gedichte. In der klassischen Kalligrafie sind die Buchstaben tiefschwarz und in feinen Linien auf saugfähiges Papier geschrieben. Baumhekel hingegen malt mit verdünnter Tusche, die er auf einfaches weißes Papier streicht. Das wirkt ungestüm, fast grob. Jedes Pinselhaar hinterlässt eine Spur, gibt dem Strich eine Struktur. Seine Schriftbahnen gleichen modernen schwarz-weißen Gemälden. Auf dem Boden hat Baumhekel Treibholz aus Elbe und Ostsee zu einer Installation zusammengelegt, ein Fluss aus Sätzen. Auf jede Planke hat der Dresdner chinesische Sinnsprüche wie „Ein Platzregen dauert keinen Tag“ geschrieben. Die Werke stehen zwischen fernöstlicher Schönschreibkunst und moderner Malerei – sie sind in einem Flur also genau richtig ausgestellt. Stephanie Ringel

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