Kultur : KURZ & KRITISCH

Isabel Herzfeld

KLASSIK

Dem Herrn ein

Lied singen

Ein Opus magnum wie Bachs h-Moll- Messe hat die vielfältigsten Interpretationsansätze zu erdulden. Eine ganz eigene Balance zwischen den Extremen findet Sir Roger Norrington in der Philharmonie : Die fast ganz auf ihre Solospieler reduzierten Philharmoniker , intim im Halbrund vor dem Chor gruppiert, sind Garanten höchster Transparenz und Flexibilität. Die Intimität steigert sich noch, wenn Sir Roger zum behutsamen Dirigat der Arien auf einem kleinen Stühlchen Platz nimmt – mit dem Solistenquartett ereignet sich hier schönste Kammermusik. Betörenden Klangreiz entfaltet so etwa das „Quoniam“ mit dem hellfarbigen Bariton Detlef Roths und Radek Baborak am beweglichen Horn, dem die Fagotte von Stefan Schweigert und Markus Weidmann leichtfüßig korrespondieren. Zuvor umranken Albrecht Mayer und Dominik Wollenweber den Part des Countertenors David Daniels mit zarten Oboen-Seufzerbändern und tragen damit Passionsstimmung ins Gotteslob.

Ein Höhepunkt, wenn Daniels das „Agnus Dei“ mit wunderbar tragfähigem Stimmglanz und tiefer Empfindung erfüllt. Persönliche Emotion spürt Norrington auch auf, wenn er zum anderen Extrem einer beinahe romantischen Klangpracht greift. Kraftvoll gleich der Beginn: Im „Kyrie“ gelangt der Rias-Kammerchor (hervorragend einstudiert von seinem designierten Leiter Hans-Christoph Rademann) immer wieder zu großen Aufschwüngen; „Et in terra pax“ wird zur endlosen Verkettung leidenschaftlicher Steigerungen. Überwältigend, wenn nach den chromatischen Abstiegen in die Grabkammern des „Crucifixus“ mit einem förmlich zerfallenden Piano das „Et resurrexit“ explodiert – der spontane Beifall danach ist nur zu verständlich. Im „Sanctus“ schöpft Norrington das Potenzial des Chores dann genießerisch aus, wenn er mit tänzerischer Gestik, mit engagiertesten Einsätzen zu immer weiterer Ekstase antreibt.

* * *

KINO

Gott bei den

Füßen packen

Gut sieht er aus, verwegen, die Zigarette im Mund, ein bisschen wie der junge Belmondo. Wälzt sich träumend im Bett. Zerstört ein Ölgemälde im Atelier. Zertrümmert das eigene Bild im Spiegel. Piotr Studzinski hat 1966 im seinem 6-Minuten-Film „Twarz/Das Gesicht“ einen Kommilitonen gebeten, die Hauptrolle zu spielen. Der coole Künstler ist später selbst als Regisseur berühmt geworden: Es ist Krzystztof Kieslowski .

Am 13. März 1996, vor zehn Jahren, ist Kieslowski im Alter von 55 Jahren gestorben. Nun sind alle seine Filme, einschließlich der zehn Dekalog-Episoden und der frühen, selten gezeigten Dokumentarfilme, noch einmal im Berliner Filmkunsthaus Babylon Mitte zu sehen. Wie stark sein Einfluss unter Kollegen und Schauspielern bis heute ist, zeigt zum Beispiel der Dokumentarfilm „Still Alive“, den Maria Zmarz-Koczanowicz zum 10. Todestag gedreht hat und der das Kieslowski-Festivals am Sonntagabend eröffnet. Fast alle träumen sie noch heute von ihm, Regisseurinnen wie Agnieszka Holland, Schriftstellerinnen wie Hannah Krall, Schauspielerinnen wie Irène Jacob und Juliette Binoche. Sind mit Kieslowski auf dem Dreh. Kochen, essen, diskutieren mit ihm. Kieslu, wie sie ihn zärtlich nennen, muss ein Meister der Freundschaft gewesen sein.

Als er, nach dem Welterfolg seiner Trilogie „Drei Farben: Blau, Weiß, Rot“ 1994 ankündigte, keinen Film mehr drehen zu wollen, hielt man das für ein Marketinggerücht. Doch in Zmarz-Koczanowiczs Dokumentarfilm sieht man ihn auf dem Filmfest von Venedig, Kieslowski lächelt gequält, wirkt deprimiert, erschöpft, und man begreift, dieser Mann hat unter der öffentlichen Aufmerksamkeit gelitten. Und dann sieht man ihn in Masuren beim Holzhacken – hier lacht Kieslù.

Früher haben manchmal die anderen gelacht – und er hat es übel genommen. Als bei seinem Kurzfilm „Vom Standpunkt eines Nachtwächters“ 1977 die Zuschauer über den unbeholfenen Fabrikwächter lachten, fürchtete Kieslowski, seinen Protagonisten denunziert zu haben. Heute kann man gerade aus diesem Film viel über die Stimmung im Sozialismus lernen. Wie auch aus seiner Diplomarbeit „Aus der Stadt Lodz“ von 1969, in der Kieslowski Dokumentaraufnahmen aus den Neubauvierteln mit utopischen Liedern unterlegt. „Keiner von uns kommt mit dem Leben klar“, hat Kieslowski einmal gesagt – und uns die kleinen, unspektakulären Episoden gezeigt, aus denen das Leben eben besteht. „Gott bei den Füßen packen“, hat er das genannt. An der Stelle ist auch Gott kitzlig. Christina Tilmann

Kieslowski komplett, 15. bis 30. Oktober, Babylon Mitte, Programm unter www.polnischekultur.de/kieslowski

0 Kommentare

Neuester Kommentar