Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

POP

Kettensägen sind

unser Leben

Nur etwa drei Dutzend Eingeweihte sitzen in der Keller-Bar Trompete in Lederfauteuils, um der Deutschlandpremiere des Films „Searching For The Wrong- Eyed Jesus“ zu folgen. In Andrew Douglas’ Road-Movie geht der amerikanische Singer-Songwriter Jim White in einem zerbeulten Chevy auf eine Entdeckungsreise durch den Süden der USA, abseits der Hauptstraßen. In Junkyards und Trailerparks, ärmlichen Siedlungen und kleinen Städten lauscht er dunklen Geschichten. Von einfachen Menschen in Bars, Gefängnissen, Kohlebergwerken, Biker-Treffs und Kirchen. Geschichten über Liebe, Mord und Totschlag. Über Tod und Teufel. Sünde und Erlösung. Bestrafung und Errettung. Und dazwischen wunderbare Musik, die von derartigen Geschichten inspiriert wiederum ihre eigenen Storys erzählt. „The Handsome Family“, David Eugene Edwards, David Johansen.

Die Mitwirkenden Johnny Dowd und Jim White stehen anschließend höchstpersönlich auf der Bühne, um mit ihrer Band Hellwood ihr Album „Chainsaw Of Life“ zu präsentieren. White in knallgelber Daunenweste knallt in die Telecaster. Dowd, mit schwarzem Knitteranzug, weißen Haaren, schwarzrandiger Brille, traktiert eine Stratocaster. Geräusche, Klänge, Landschaften. Werkstattlärm. Kettensäge. Kräftiger Drumbeat von Willie B., der gleichzeitig Bass spielt, auf Pedalen mit dem linken Fuß. Michael Stark orgelt in dickem, öligen Hammond-Schlick. White und Dowd wechseln sich ab. Dowds poetisch näselnder Sprechgesang verbindet die Poesie der Beat-Generation mit den New Yorker Straßen von Lou Reed. Während die grandiose Band Punk, Rockabilly, Gospel, Heavy Metal, T.-Rex-Riffs und angefunkt satanischen Samba derart auf die schiefe Bahn bringt, dass es gerade richtig klingt. Ein außerordentlicher Abend.

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POPCHRONIK

Auf Pferde wetten,

auf Pferden reiten

Terry, Leon und Ray sind 20 Jahre alt, aber schon alte Hasen bei „The Paper“. Für das Musikmagazin beleuchten die jungen Redakteure die Punk-Bewegung Ende der 70er Jahre in London. Terry tut das als Fan, Leon möchte lieber den politischen Kontext beleuchten – und Ray schwört eigentlich auf die alten Hippie-Platten. Sie leben in der Hoffnung, das triste Leben ihrer Eltern nicht zu wiederholen. Wenn ihnen kein besseres Wort einfällt, sagen sie „surreal“ – und wenn sie Mädchen aus besseren Kreisen abschleppen, denken sie über das Klassensystem nach. „Mistys Familie ritt auf Pferden, Terrys Familie wettete auf sie.“

Mit Punk bricht zwar die starre britische Klassenhierarchie auf, aber die Subkultur weicht im Mainstream auf. Tony Parsons schildert den Prozess in einer exemplarischen Nacht: der Nacht des 16. August 1977, als auf der anderen Seite des Atlantiks Elvis Presley stirbt. In den schimmeligen Keller-Clubs werden die Punks der ersten Stunde von den Mode-Punks verprügelt, windige Musikmanager schwirren um die jungen Helden herum, jeder wittert, hier ist etwas Großes im Gang – und sogar John Lennon hat einen Gastauftritt. Tony Parsons arbeitete vor 30 Jahren als Musikjournalist für den „New Musical Express“. Er dokumentierte Aufstieg und Fall von Punk – und als Punkmusik keiner mehr hören wollte, war auch Parsons den Job los. In Als wir unsterblich waren (aus dem Englischen von Christian Seidl, Blumenbar Verlag, München 2006, 432 S., 19,90 €) verzählt er von der Liebe zur Musik, von der sozialen Schieflage der siebziger Jahre, vom Abschied von der Jugend. In knackigen Sätzen skizziert er ein Sittengemälde voller Exzesse und Illusionen. Punk ist tot, es lebe der Punk. Ulf Lippitz

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