Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

ROCK

Dem Ungeheuer

auf den Schwanz treten

Vor vier Jahren haben wir Ryan Adams das letzte Mal in Berlin gesehen. Unmengen neuer Platten hat er inzwischen aufgenommen, angekündigte Konzerte immer wieder abgesagt. 2003 wegen einer gebrochenen Hand. 2005 wegen einer Ohreninfektion. Das Kesselhaus ist proppenvoll. Die Fans sind gespannt auf den Songwriter und seine neue Band, mit der er die Alben „Cold Roses“ und „Jacksonville Nights“ aufgenommen hat. Stilistisch kehrte er damit zum Alternative Country seiner früheren Jahre mit Whiskeytown zurück, deren Frontmann Adams bis 1996 war. Jetzt stehen The Cardinals in schummrig violettem Licht. Unerwartet heftig rockend schaffelt sich die brillant eingespielte Band in den Abend. Raffiniert präzise, ohne das Ungestüm des Rock ’n’ Roll an technische Sterilität zu verlieren. Trockener Bass, knalliges Schlagzeug und eine Pedal Steel zwischen Country-Weinen und kreischendem Stahl-Blues. Mittendrin der schlaksige Adams mit schwarzem Haargestrüpp, Cowboyhemd, Jeans und hochhackigen roten Stiefeln. Er hält sich nicht auf mit großen Worten und lässt lieber seine Gibson ES-335 sprechen. Liefert sich Gesangsduette mit Neal Casal. Gitarrenduelle. Harmonien à la Crosby, Stills, Nash. Wenn seine Stimme in die fragilen höheren Lagen geht und die Akkorde auf eine ganze bestimmte Art wechseln, erinnert Ryan Adams ein bisschen an Neil Young. Ein großer Eklektiker, der seine Vorlieben zu seinem eigenen Stil zusammenrührt. Stones-Riffs, Countryrock, Bo-Diddley-Beat, ledzeppelinsche Schwere. Knarziger Boogie, krachende Codas. Eine besondere Vorliebe teilen Adams und Casal offenbar für die verflochtenen Gitarrenmelodien der Grateful Dead. Ihre parallel mäandernden Soloimprovisationen ufern immer wieder aus, 135 Minuten lang.

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KLASSIK

Der Wahrheit

ins Gesicht blicken

Die 15. Sinfonie seines Vaters Dmitri hatte Maxim Schostakowitsch schon im Gepäck, als er sein Debüt beim heutigen Deutschen Symphonie-Orchester Berlin gab. Wenn er heute, nach mehr als 30 Jahren, zum 100. Geburtstag des großen russischen Komponisten dieses Werk in der Philharmonie dirigiert, dann zeugt das von seiner tiefen Verbundenheit mit einer Musik, die alles andere als eingängig oder wirkungsvoll, ja nicht einmal für ihren Autor besonders charakteristisch ist. Denn so reduziert, so karg und auch heterogen, geradezu widersprüchlich gefügt sind nur seine letzten, von letzten Dingen sprechenden Werke. Schreiben über die Todesangst könne helfen, sich an sie zu gewöhnen, soll Schostakowitsch gesagt haben, und so fasst ein kalter Hauch den Hörer gerade in den quasi indifferent verschwebenden, kein Dur und Moll, keine Lust und keinen Schmerz mehr kennenden Schlusspassagen an. Der warme Applaus des Publikums gilt einer feinsinnigen Interpretation, in der sich das hochmotivierte Orchester prachtvoll entfalten kann. Das kündigt sich schon in Rossinis Ouvertüre „Guillaume Tell“ an, deren rasanten Galopp Schostakowitsch ironisch-subversiv im ersten Satz zitiert. Zum Sterben schön der schmelzende Violoncellogesang von Andreas Grünkorn und Dávid Adorján, dem die Gewitterklänge hochdramatischer Posaunenläufe und gleißender Holzbläser folgen. Auch in Mozarts Violinkonzert B-Dur ist das Orchester sorgsam strukturierender Partner für die junge Solistin Arabella Steinbacher. Mit energischem Zugriff gibt die 25-jährige Münchnerin dem Werk einen herben Schmelz und strenge Kontur. Isabel Herzfeld

KUNST

Dem Hasen

die Welt erklären

Der „Dritte Bruder Grimm“ ist – wenn schon – eine Schwester und heißt Valérie Favre . Der Titel ihrer Ausstellung im Haus am Waldsee legt nahe, dass die künftige Professorin an der Berliner Universität der Künste Geschichten erzählen will. Vielleicht tut sie das, auf keinen Fall aber im Sinne von „Illustration“. Ihre Gemälde locken auf dämmrige Waldlichtungen und Straßen, zeigen torsohafte Pferde, gesichtslose Menschen und viel pure, gegenstandsbefreite Malerei: Hier dringt die Fülle aus den Leerstellen (Argentinische Allee 30, bis 26. November, Mo bis So 10–18 Uhr, der Katalog kostet 8 Euro).

Die 1959 im schweizerischen Evilard geborene Künstlerin war einst in Frankreich Schauspielerin auf dem Karrieresprung. In die Malerei, die sie schließlich doch mehr lockte, hat sie ihr Faible fürs Kino mitgenommen. Vierundzwanzig kleinformatige Bilder, so viel braucht auch der Film pro Sekunde, verbinden sich zur Malserie „Autos in der Nacht“. Eine Mélange aus David-Lynch-Filmen und Kunst-Ikonographie. Goyas Gott Saturn frisst seine Kinder, David Lynchs Mulholland Drive führt ins Nirgendwo, Edward Hoppers knallrote, still und stumm am Waldrand stehende Tanksäulen zapft auch hier keiner an.

Ihre Bilder scheinen dunklen Träumen zu entstammen, Favre arbeitet gleichzeitig an mehreren Zyklen, die vieldeutig „Balls and Tunnels“ oder „Das Gebet“ heißen. Mittelpunkt der Serie „Lapine Univers“ ist ein Mischwesen aus Hase und Frau, das als Eiskunstläufer, mit Rockgitarre oder auf einem Denkmalsockel agiert. Das Wort „Lapine“ spielt auf den umgangsprachlichen französischen Ausdruck für das männliche Glied („la pine“) an. Von den Großformaten besticht vor allem „Suggestion“, ein schwermütiges Idyll mit kahlem Kiefernwald, mysteriös verwischtem Reiterstandbild und einer Rückenfigur, die wohl zum blassgrünen Horizont blickt. Die Farben sind gebrochen, matt, wie ausgeweint. Getrocknete Farbtränen überall. Harte Schnitte. Valérie Favres triumphale Riesen-Häsinnen, vielleicht ein Alter ego der Künstlerin, könnten Schwestern von Lara Croft sein. Jens Hinrichsen

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