Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

POP

Wenn die Funken

sprühen

David Thomas, wir lieben dich! Keinen Augenblick reduziert der Mann mit dem mächtigen Gürtelumfang die Intensität seines Auftritts, obwohl er eher den Eindruck macht, dass eine Woche Bettruhe nötiger seien, als sich mit einem Döschen Wick Vaporup durch den Abend zu retten. Dreißig Jahre Pere Ubu verpflichten eben, und so bekommt das Publikum im gefüllten Quasimodo nicht nur das bestmögliche Konzert unter den erwähnten Bedingungen geboten, sondern überhaupt das Wunderbarste, was einem unter der Bezeichnung Pop vorgejubelt werden kann. Schließlich klingt die Band noch immer, als sei sie mit elektrischem Draht umwickelt, der auf Berührung mit blitzartiger Entladung reagiert. Und sie freuen sich über die Funken, die die Instrumente zum Schreien bringen, wenn sie ihren Großstadt-Lärm-Rock mit Science-Fiction-Folklore und abstrakten Bluesfiguren verbinden, während der kettenrauchende Thomas mit dem Rest seiner geschundenen Kopfstimme glänzt. Dieser Mann ist unnachahmlich. So einzigartig wie die Welt, die er besingt: „You know her name, rhymes with gasoline/Her perfume, I think it’s terpenteen“ – „Caroleen“, der heimliche Hit vom aktuellen Album „Why I Hate Women“, gerät zum Höhepunkt, eine sprühende Langsamversion von „Final Solution“ kommt als Zugabe. Dazwischen unerhört schöne Musik von einer Band, um die man nicht fürchten muss.

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KUNST

Wenn die Autos

fliegen

Virtuelle Video-Elegien zaubert der Nachwuchskünstler Bernhard Kahrmann in die Räume von DaimlerChrysler Contemporary. Das formal Lakonische, Ruhige, Abgeklärte verbindet neun zeitgenössische Positionen der Ausstellung Photography, Video, Mixed Media III , die vorwiegend Neuerwerbungen präsentiert (Haus Huth, Potsdamer Platz, Mo-So 11-18 Uhr). Den Hauch einer Ahnung von afrikanischer Armut und Aids-Elend geben die Fotos von Guy Tillim, die sich dem Dorfleben in Malawi widmen. Auch Pamela Singh war Fotojournalistin, bevor sie sich der indischen Kastengesellschaft künstlerisch zu nähern begann. Ihre Fotos sind aufwendig koloriert und mit Glasschmuck verziert: schönes, bettelarmes Indien. Den Sprung ins Glitzersortiment tut die thematisch doch sehr disparate Schau mit Sylvie Fleurys für sich genommen fulminanten Videogroßprojektionen. Darin lassen magersüchtige Models via Hebebühne sündhaft teure Mercedes-Sportschlitten auf und ab schweben, die mit geöffneten Flügeltüren wirken wie chromblitzende Engel. Der Konsumhimmel, nur Schritte von den Vorhöllen der Dritten Welt entfernt: eine zynische Kombination. Jens Hinrichsen

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