Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

KLASSIK

Nebel im

Hochgebirge

Jede kleinste Erschütterung in der Philharmonie wird dieser Tage von Mikrofonen eingefangen. Simon Rattles Plattenfirma EMI zeichnet die nächsten Konzerte der Berliner Philharmoniker auf, und der Chef erklimmt endlich, was seine Kritiker längst von ihm gefordert haben: das romantische Zentralmassiv. Alle Welt soll erfahren, wie Simon Rattle es hält mit Schumann, Bruckner und nächste Woche mit Brahms. Der undurchdringliche Nebel, den die Diskussion um einen vermeintlich „deutschen Klang“ durch die Feuilletons hat wabern lassen, macht den Gipfelanstieg zum Wagnis. Doch wie jeder gute Bergführer setzt auch Rattle seine philharmonische Seilschaft keiner Schlechtwetterfront im Hochgebirge aus. Er hat die Kraft für Umwege, die seinen Kritikern fehlt. Er weiß, dass das Außergewöhnliche Zeit braucht, und es wird ihn am meisten gekränkt haben, wenn er als kurzatmiger Effekthascher etikettiert wurde.

Es ist ein weiter Weg, den Rattle geht – etwa zu Bruckners vierter Sinfonie, der „Romantischen“. Er hat sie beim Traditionshort der Wiener Philharmoniker dirigiert – und wurde harsch verrissen. Er hat sie mit den Berlinern auf Tournee dirigiert, 2004 in einem halbfertigen Saal von Athens Magaron. Hinter den Musikern klaffte das gewaltige Loch der fehlenden Unterbühne. Ein Musizieren am Abgrund, das einen physisch klar definierten Bruckner zeugte.

Doch die Seele dieser Musik? Sie bleibt auch in der Philharmonie flüchtig. Sorgfältig werden die Gletscherspalten des Sentimentalen umgangen und die Lawinen des Pathos durch stellenweise schneidend laute Blechbläser kontrolliert zu Tal gejagt. Jetzt nur nicht in Sackgassen geraten. Auch Schumanns Vierter, in der leichter instrumentierten Erstfassung, fehlt es an bekenntnishaftem Eifer. Dem schmerzlich zu Grenzen Drängenden dieser Musik folgt Rattle mit kleinen Schritten. Jetzt nur nicht abrutschen. Der Philharmoniker-Chef lässt sich derzeit nicht festnageln. Weil er weitersuchen will, wenn die Nebel sich gelichtet haben (noch einmal heute, 20 Uhr).

POP

Pranken

mit Streichhölzern

Am Ende sind alle glücklich. Winkend verlassen die Magic Numbers die Bühne, das Publikum kreischt ihnen verzückt hinterher. Dabei hatte man erst ein wenig Angst, der Ruhm ihres Debütalbums könnte schon wieder vergessen sein, so zögerlich füllt sich das Lido . Als die Geschwisterpaare Stodart und Gannon mit dem neuen Stück „This Is A Song“ einsteigen, hat sich der Laden aber angenehm belebt. Die vier Londoner sind immer noch eine etwas andere Popband: Ihr Landkommunen-Look passt bestens zum Gute-Laune-Pop voll schwebender Folkharmonien und kniffliger Tempowechsel.

All das Introvertierte, das die Magic Numbers bei ihrem letzten Berlin-Konzert wie spaßgebremste Interpreten ihrer auf Platte so erhaben leuchtenden Songs aussehen ließ, ist heiterer Souveränität gewichen. Gitarrist Romeo Godart strahlt aus seinem Vollbart und lässt die Finger virtuos über die Saiten seiner Halbakustischen flitzen. Bei der Zugabe „Mornings Eleven“ überschlägt sich seine Stimme, kongenial unterstützt von den Sirenengesängen der Schwestern Michele und Angela Gannon. Michele Gannon traktiert ihren Bass mit einer Wucht, die an Metal-Bands erinnert, hier aber eher niedlich wirkt. Sean Gannon ist der stille Rhythmiker im Hintergrund. Die Sticks sehen aus wie Streichhölzer in seinen Pranken, aber er trommelt, als spiele er auf Porzellantassen. Den Abschluss bildet „The Beard“, ein unglaublich langer Southernrock- Jam, bei der sich die Band in rasenden Honky-Tonk-Galopp hineinsteigert. Romeo Godart zeigt sein wildes Können, Angela Gannon pustet noch ein schräges Melodica-Solo, ein letzter malmender Lärmwirbel. Große Klasse. Jörg Wunder

0 Kommentare

Neuester Kommentar