Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Mozart,

geflüstert

Sogar bei den vorbestellten Karten gibt es nervöses Gedränge, gieriger als sonst scheinen die Mikrofone von der Saaldecke der Philharmonie Richtung Podium zu hängen, ein raunender Unterton mischt sich in den Begrüßungsapplaus. Man weiß eben nicht, wie oft man Anne-Sophie Mutter – heute in einem honiggoldenen Abendkleid im Meerjungfrauenschnitt – noch live zu hören bekommt. Auch wenn die Künstlerin gerade erst dementiert hat, dass sie ihr Karriereende fest geplant habe. Doch der Schatten der Ungewissheit tut dem Abend gut. Die zurückgelehnte Erwartung des Genusses von Spitzenqualität, die sich bei vielen Mutter-Fans über die Jahre eingeschlichen hat, war der ernsthaften Kommunikation zwischen Podium und Publikum nämlich nicht immer förderlich. Wobei Mutter und ihr treuer Klavierbegleiter Lambert Orkis an diesem Abend mit Violin-Sonaten von Mozart ebenfalls mit Momenten einer neuen Intensität überraschen. Damit ist nicht die bekannte spätromantisch vibratosatte Tongebung Mutters gemeint. Auch nicht die bedingungslose, aber mit bewundernswerter Innenspannung bewältigte Hingabe an jede einzelne Phrase, mit der die Virtuosin ihre Fans begeistert und ihre Kritiker herausfordert. Sondern Momente eines ungewöhnlich intimen, fast gleichberechtigten Aufeinanderhörens im Andante der Sonate KV 376. Oder der geisterhaft fahle Flüsterton, der die Interpretation der Sonate KV 304 nicht nur effektvoll einleitet, sondern auch im Verlauf prägen wird. Und auch die Augenblicke merkwürdig drolligen Taumelns, mit dem Mutter das Rondothema im Schluss der B-Dur Sonate KV 454 vorbereitet. Kleine Überraschungen, gewiss. Aber gute.

* * *

ROCK

Im Sturzflug

nach Neukölln

„Look up, there is the sky“ fordert das ruhige Stück, zu dem er auftritt. Richard Ashcroft wird den Blick immer wieder nach oben wenden, auf die Knie sinken, die Hände recken. Die Visuals zeigen die verrenkten Hälse von Picassos „Guernica“. Einmal kehrt sich die Blickrichtung, und das Publikum fährt mit Google-Earth hinunter nach Neukölln zu Huxley’s Neuer Welt . Hier stehen wir also auf einem rotierenden Felsen im Kosmos. Und Ashcroft gibt den egomanen Propheten einer existentiellen Leere. Schon bei „Keys to the World“ aus seinem aktuellen Album türmt er gegen andrängende Einsamkeit schwelgerische Ethno-Samples und Gitarrenwände auf. Alle Stücke, ob von seiner Ex-Band The Verve oder den drei Soloalben, fließen einem Höhepunkt entgegen, auf dem die Stimme sich leicht überschlägt und Gitarren und Saxofon kurz aufkreischen – um dann mit Wah-Wah und Delays auszuklingen. Das ist gediegen, pathetisch, kitschig. Aufregender, wie der Brite seine Liebesbekundung „New York“ zerlegt: Die Hymne, die Ashcroft nun den Opfern von 9/11 widmet, entgleitet in verzweifelte Dissonanzen. Auch die Zugabe überrascht mit Akustikstücken und dem von Rumpelbeats eskortierten Aufschrei „Lonely Soul“ aus der Kooperation mit dem Elektroduo Unkle. Vom Begleitbombast befreit klingt die ins Heisere kippende Stimme nun tatsächlich wie ein ins All geschickter Hilferuf. Daniel Völzke

KLASSIK

Vom Regen

in den Zirkus

Der Mann ist der leibhaftige Querstand: Hans Eisler entzieht sich allen Einordnungsversuchen. Sein Werk ist schlicht zu heterogen. Einerseits hat der Schüler Schönbergs Zwölftonmusik hinterlassen, andererseits kennt man von ihm politisch engagierte Musik wie Arbeiterlieder, Märsche und natürlich die DDR-Hymne, Sachen also, die man als ernster Komponist eigentlich nicht macht. Im Werner-Otto-Saal des Konzerthauses ehrt das Kammerensemble Neue Musik unter Roland Kluttig nun den Filmkomponisten Eisler. Film und Musik werden gemeinsam, aber auch getrennt gespielt, was die Wahrnehmung der zahlreichen Besucher sicher schärft: Der poetische Stummfilm „Regen“ von 1932 etwa entfaltet mit der Musik Eislers eine intensivere Aura. Die Kammersinfonie op. 69 wiederum ist so autark, dass man ihr unbebildert doch näher kommt. Eislers Vielseitigkeit und seine Beherrschung des Metiers zeigen sich auch im Trivial-Gebräuchlichen: Die Szenen aus dem Chaplin-Film „The Circus“ geraten in ihrer pointensicheren Vertonung zur Augen- und Ohrenweide. Nach diesem Abend möchte man die Ankündigung des Konzerthausintendanten Frank Schneider, dass nun auch der neue Chefdirigent des Konzerthausorchesters nicht mehr um Eisler herumkommt, doch eher als Verheißung denn als Drohung verstehen. Ulrich Pollmann

PERFORMANCE

Bush,

nicht gebasht

Herbst 2004. Auf einem Flug innerhalb der USA wird der Libanese Walid Raad festgenommen. Im Gespäck hat er verschiedene Selbstporträts, Dokumente mit arabischer Schrift und ein Video über die Folgen eines Autobombenanschlags. Der FBI-Agent fragt nach. Ich beschäftige mich mit der Geschichte des Krieges in meinem Land, sagt Raad, ich bin Künstler. Nun sitzt Raad auf der Bühne des HAU , mit Laptop und Leinwand – eine typische Form für aktuelle Performancekunst aus dem Nahen Osten. Die Präsentation „I feel a great desire to meet the masses once again“ ist politische Informationsveranstaltung und künstlerische Selbstreflektion. Für den 39jährigen, der mittlerweile US-Bürger ist und an der Kunst-Uni Cooper Union/ NY lehrt, ist das Flughafen-Erlebnis nur ein Symptom für ein Klima des Verdachts. In seiner Powerpoint-Performance erzählt Raad von der Entführungspraxis der CIA, Labyrinthen aus Tarnfirmen, von Kleinflugzeugen, die einen Baseballtrainer zur College-Entlassungsfeier seines Sohnes und tags drauf einen irrtümlich verhafteten Kanadier in syrische Folterzellen fliegen. Auch den Fall des Deutschen Khaled al-Masri erwähnt er. Die Informationen, aus denen Raad sein Netz aus Namen und Fakten knüpft, sind offen zugänglich. „Jeder mit Internetanschluss kann aus ihnen eine nette Geschichte machen.“ Im Hamburger Bahnhof sind bis zum 7. Januar 2007 Werke der hauptsächlich aus Raad selbst bestehenden „Atlas Group“ zu sehen. Die Ausstellung erforscht Techniken der Erinnerung, immer auf der Grenze zwischen Geschichtsschreibung und Kunst. Dass es da eine Trennlinie gibt, bestreitet Raad: Für Künstler wie Historiker gehe es darum, „Zeichen zu produzieren und sie in ein Universum zu platzieren, das nicht nach fünf Sekunden zusammenfällt“. Glaubwürdigkeit ist: Glaubensfrage. Raad geht es nicht um Bush-bashing oder anti-israelische Agitation, sondern darum, wer die bessere Geschichte erzählt (wieder heute 20 Uhr, HAU 2). Jan Oberländer

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