Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Kastanien

im Feuer

Sogar neben den Garderobenspiegeln der Philharmonie prangte der Hinweis, dass sich Lise de la Salle dazu bereit erklärt habe, nach dem Konzert Autogramme zu geben. Lieber hätte man etwas mehr über die künstlerische Handschrift der 1988 geborenen französischen Pianistin erfahren, die als eines von drei Talenten ihr „Debüt im DeutschlandRadio“ gab. In den gut 15 Minuten, die ihr Prokofjews erstes Klavierkonzert zur Selbstdarstellung ließ, stand jedoch ihre perfekte Technik weit mehr im Vordergrund. Immerhin war ihr mechanistischer, aber energetischer Auftritt der stimmigste Beitrag des Abends. Die zweite Solistin, die 1980 in Bukarest geborene Cellistin Laura Buruiana , verhob sich dagegen am ersten Cellokonzert von Dmitri Schostakowitsch. Ihr zupackender, doch im Ton zu kammermusikalischer Zugriff reizte eine auf dem Podium platzierte Schulklasse nach dem ersten Satz zwar noch zu Spontanapplaus. Doch spätestens in der merkwürdig fantasielos und unzusammenhängend musizierten Cadenza ging dem Werk die Luft aus. Weit mehr Präsenz brachte der amerikanische Dirigent James Gaffigan (Jahrgang 1979) mit. Er animiert das Deutsche Symphonie Orchester in Debussys „Prélude à l’après-midi d’un faune“ zu großen, bewusst wagneristischen, gleichwohl lyrischen Bögen und ließ Schostakowitschs erste Symphonie vom Ensemble mit Verve und Spielfreude musizieren. Als musikalischer Vordenker zeigte er sich jedoch noch zu selten: War ein abrupter Wechsel von einem Gemütszustand in den anderen angesagt, mangelte es ihm deutlich an Führung. Mehr als eine Kastanie holten die hellwachen Holzbläser an rhythmisch gefährdeten Stellen für ihn aus dem Feuer.

* * *

FIGURENTHEATER

Pandora

im Würfel

Ein Baukasten liegt auf der Bühne, ein Würfel, der wie eine Matroschka viele kleinere Würfel in sich birgt – und eine Frau: Pandora, nach der griechischen Mythologie die erste Frau auf der Welt. Sie ist somit auch die erste Puppe, geschaffen aus Lehm, von Göttern zum Leben erweckt, beschenkt mit vielfältigen Reizen und allen Übeln der Welt. In „Pandora Frequenz“, dem Eröffnungsstück des internationalen Forums für junges Figuren- und Objekttheater der Schaubude mit dem klingenden Titel „Versuchung“, baut sich Antje Töpfer als Pandora ihren eigenen Leib, ihr Abbild aus Pappmaché. Füße, Hände, Waden und der ganze Rest müssen zusammengefügt werden. Das dauert fast neunzig Minuten. Derweil philosophiert eine Männerstimme aus dem kleinsten aller Würfel – einem Radio: „Ein Frauenzimmer kann verschlossen sein oder reserviert“, was sehr lustig ist, wenn die Spielerin aus den Segmenten des Würfels gerade eine Wohnungseinrichtung zusammen stapelt. Ästhetisch beeindruckend, entbehrt die Aufführung ansonsten leider weitgehend der Komik. Die eingebauten Störgeräusche aus dem Radio betonen zwar das langsame, konzentrierte Spiel Töpfers, sind der Aufmerksamkeit der Zuschauer aber abträglich. Inspiriert wurden Florian Feisel (Regie) und Antje Töpfer von den Arbeiten des Surrealisten Hans Bellmer, der in den 1930er Jahren mit seiner Fotoserie La poupée für Furore sorgte. Bellmer zerlegte Schaufensterpuppen in einzelne Glieder, die er neu zusammensetzte und dann in beklemmend zweideutigen Posen ablichtete. Die ambitionierte Inszenierung, von dem jungen Puppenspielerduo extra für die „Versuchung“ erarbeitet, will alle Aspekte des weiten Pandora-Themas zumindest anschneiden. Das Spiel mit Raum, Wahrnehmung und Identität wird so zu einer etwas verkopften philosophischen Abhandlung mit allzu linearer Handlung.

Unter dem Festivalschwerpunkt Osteuropa zeigt die Schaubude in der dritten „Versuchung“ seit 2002 noch bis Sonntag jeden Abend mindestens zwei korrespondierende Stücke. Den Arbeiten junger Künstler aus Polen, Russland, Belarus und Lettland werden Inszenierungen aus Israel, Frankreich, Finnland und Deutschland gegenübergestellt. Im zweiten Stück des Eröffnungsabends flossen im Zuschauerraum sozusagen 45 Minuten lang die Freudentränen. Die Studenten der Staatlichen Akademie der Künste Minsk zeigten „Das Wunder des heiligen Antonius“. Auf einfache und geniale Weise wurde Maeterlincks satirische Legende über die Sinnlosigkeit von Wundern, die keiner bemerkt, mit dem sprichwörtlichen Wunder der Elektrizität verknüpft. Auf einer Bühne von der Größe eines Küchentischs bewegen sich kleine Maschinen, die aussehen wie aus dem Elektrobaukasten geboren. Nach dem einfachen Prinzip „wenn’s leuchtet, wird’s heilig“ werden Taschenlampen und Weihnachtsbeleuchtungen angeknipst. Regisseurin Swetlana Ben steht am Bühnenrand und liest gebrochen, aber kraftvoll den deutschen Text vom Blatt ab, während vier Spieler ihre Maschinchen mit Ratter- und Quietschgeräuschen durch die Tragödie führen. Amüsant und bedrückend zugleich wird hier die Beziehung eines Individuums zur Gesellschaft „beleuchtet“. Der Tod kommt dann in Gestalt einer Funken sprühenden Kreissäge. Lea Streisand

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