Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

So seid nun

geduldig

Sofia Gubaidulinas „Offertorium“ ist ein Violinkonzert für Gidon Kremer . Es fußt auf dem Königlichen Thema des „Musikalischen Opfers“ von Bach, das meisterhaft zerpflückt und kombiniert wird. Wenn die Musik donnert, bleibt sie immer gefällige Moderne. Ihr Wesen aber ist Süße, russische Erinnerung, eine herzensfromme Aura. Über dem fulminanten Ausdrucksreichtum des Geigers indes kann man das Stück beinahe vergessen. Denn die Klangintensität Kremers dominiert das Klangspiel der Partitur. Bei den Berliner Philharmonikern ist die Komponistin zu Gast, um einmal mehr der märchenhaften Interpretation ihres Werkes durch den Widmungsträger zu lauschen. Kremers Solo ist der Höhepunkt des Abends in der Philharmonie .

Dann stürzt sich Simon Rattle in das Deutsche Requiem von Brahms, horchend auf das Orchester und den unerschütterlichen Rundfunkchor Berlin. Da kommen ihm feine Pizzikati oder das Licht eines individuellen Flötensolos entgegen. In Dorothea Röschmann und Thomas Quasthoff sind so renommierte wie sensible Solisten dabei, ohne ihre Bestform zu erreichen. Gewaltige Entladungen von Fortissimo dramatisieren die Zuversicht des Pauluswortes: „Hölle, wo ist dein Sieg!“ Überhaupt wird die Dies-irae-Thematik, das Vivace „Denn es wird die Posaune schallen“ intensiv aufbereitet. Trotzdem fällt es schwer, bei diesem Brahms eine besondere Lesart des Dirigenten zu entdecken. Kaum verwunderlich, dass der trauermarschartige Satz „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“ bei ihm federnd, eher beschwingt als starr und hart klingt. Damit jedoch mindert er den Kontrast zu dem lieblichen Dur-Teil „So seid nun geduldig, lieben Brüder“, wie ihn Christian Thielemann auszumalen weiß, der heute wohl beste Dirigent des Werkes. Rattles Brahms-Requiem ist bei trefflichen Momenten im Einzelnen dicht, weniger differenziert, will alles umfassen. Das Rätsel um Sir Simon und die Romantik bleibt spannend (noch einmal heute).

TANZ

In der

Workshop-Falle

Ein großes Missverständnis, dieser Tanzabend. Bei David Zambranos „The Soul Project“ im Radialsystem ist zwar wirklich Soul zu hören, unvergessliche Songs und Disco-Kracher von Aretha Franklin, Gladys Knight & The Pips, Patti LaBelle oder James Brown. Gefühlvolle Balladen, die Gänsehaut erzeugen. Die tänzerischen Interpreten aber haben den Soul nicht mal im kleinen Finger oder Zeh. Stattdessen gefallen sie sich in ungebremster Exaltation.

Ein schwarzer Tänzer will gleich sein Innerstes offenbaren und nervt mit theatralischen Konvulsionen. Es folgt Solo auf Solo – ganz nach dem Motto „Lass es raus!“, dabei lassen die Performer partout keine Überspannung aus. Die zur Schau gestellte Pein wird noch peinigender dadurch, dass die spärlichen Zuschauer die Darsteller umringen und deren prätentiöses Gebaren hautnah erleben müssen. Seine jungen Darsteller, die sich als Gefühlsextremisten gerieren, lässt Zambrano ungeschützt ins Messer laufen. Dass solch ein Abend, der über das Niveau einer Workshop-Präsentation nicht hinauskommt, im neuen, hoch ambitionierten Radialsystem präsentiert wird (noch einmal heute), auch das ist ja wohl ein Missverständis. Sandra Luzina

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