Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

POP

Morgenblues in

tiefer Nacht

Ganz in Schwarz, mit T-Shirt, Hut und Sonnenrille, setzt er sich auf den Stuhl in der Bühnenmitte, nimmt eine Mundharmonika, spannt sie ins Gestell um den Hals, knurrt mit tiefer Südstaaten-Stimme: „How ya doin’?“ Tosender Jubel im Festsaal Kreuzberg . „I woke up this morning...“, Tony Joe White krallt klassischen Blues aus der Stratocaster. Kein Theater, keine Posen. Alles echt, wahrhaftig, aufrichtig am 63-Jährigen aus Louisiana. Ob jemand einen besonderen Wunsch habe? Die Fans schreien ihm Songtitel zu. „Might do ’em all“, knarzt Tony, lacht und stellt seinen Drummer vor. Der gibt dem Ganzen noch mehr Rumms. Hatte Tony auf seinem neuen Album „Uncovered“ (Munich Rec.) noch mit Gaststars aufgewartet, von Clapton über Knopfler bis zu J.J. Cale, besteht die Band heute nur aus einem Begleiter. Mehr ist auch nicht nötig. Mühelos füllt Tonys Gitarre das Klangspektrum zwischen Blues, Boogie, Shuffle und fettem Swamp Rock. Wah-Wah-Pedal und Fuzzbox. Funk-Geschmackel. Ein bis aufs Gerippe entkleidetes Arrangement seines alten Hits „Rainy Night In Georgia“, mit berauschendem Harmonica-Solo. Schließlich schwer rockend: „Polk Salad Annie“ und „Steamy Windows“. Tonys Songs, die einst von Elvis und Tina Turner in die Charts gehievt wurden, klingen von ihm selbst ungehobelter. Am Schluss übertosen die Fans minutenlang die Rausschmeißermusik, und ein überwältigter Tony Joe White kommt noch einmal zurück. Strahlt. Und glänzt.

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KLASSIK

Hungersnot

im Abendkleid

„Noch einmal“ steht über dem Abend in der Philharmonie , als der Windsbacher Knabenchor unter Karl-Friedrich Beringer Mendelssohn Bartholdys „Elias“ singt: Noch einmal das kohärente Weltbild des bürgerlichen Singevereinswesens; noch einmal Solisten, die für das abstrakt-anschauliche Rollenspiel des Oratoriums wie geboren sind und auch in Frack oder Abendkleid von Raben, Dürren und Hungersnöten zu erzählen vermögen – allen voran, noch vor Sibylla Rubens’ federhellem Sopran, Rebecca Martins timbrestarkem Mezzo und Markus Schäfers locker sitzendem, mitunter knallig herausfahrendem Tenor, Alexander Marco-Buhrmester als Prophet Elias, mit einem Bild von einer Stimme, schwarzgrau gefärbt, stattlich, nie röhrend. Noch einmal auch geht von Beringers Interpretation das Ethos einer sinnigen Geschichtserzählung aus. Sie beginnt mit den düsteren Worten des Elias, nimmt zahlreiche dramatische Kurven und endet strahlend-affirmativ mit der Auffahrt des Vielgeschmähten. Beringer, der sich zuletzt immer wieder Anfeindungen wegen seines harschen Probenstils ausgesetzt sah, dirigiert mit heftigem Körpereinsatz, den Zeigefinger paternalistisch ausgestreckt, ein Drohender, Ermutigender, Abrufender, dem seine knapp einhundert Knaben alles geben: herrlich glänzend die Soprane, zum Hinlegen eigenwillig timbriert die pubertierenden Tenöre, eine Klangmacht in Dunkelblau, die nicht einmal beim „Denn er hat seinen Engeln befohlen“ ins Zuckrige abgleitet, die scharf artikuliert und auch nach Stunden noch an Kraft zu gewinnen weiß. Vor so viel Einsatz und Sorgfalt für jeden Ton des Chores geht das perfekt begleitende DSO fast unter; dass das Orchesterdirigieren im Gegensatz zur Chorleitung auch mit homöopathischen Dosen auskäme – auch dieser feine Unterschied im musikpraktischen Diskurs wird noch einmal sichtbar. Christiane Tewinkel

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KLASSIK

Seelenleid im

Teesalon

Welche Nähe, das 19. Jahrhundert, und welche Fremde zugleich! Aufgeregt verlässt man den Kammermusiksaal , in dem einer der begehrten Philharmonischen Salons von Götz Teutsch überraschend dramatische Form fand: „Stimme und Geige: Sonntagsmatinee im Hause des Verlegers Simrock.“ Dieser spielt darin eigentlich eine Nebenrolle, die zuletzt zu einer Hauptrolle wird, weil er Liebhaber einer verheirateten Frau sein soll. Sie wird in der „Vossischen Zeitung“ als „Königin im Reiche des Gesangs“ geehrt. Es geht um Amalie und Joseph Joachim. Jutta Lampe und Peter Simonischek vermitteln lesend, wie das Seelenleid des Paares sich vertieft. Der Geiger und erste Direktor unserer Berliner Musikhochschule siezt seine Eltern, während er seine Frau „mein gutes Kind“ nennt. Amalie Weiß muss wegen der Heirat ihre Bühnenkarriere aufgeben. Frauenschicksal ist „Entsagung“. Teutsch, der sich empfehlend auf das Buch von Beatrix Borchard über das Künstlerpaar beruft, kombiniert nachdenklich Lesung und Musik: Joachims Hymnus auf seine Braut in einem Brief an Brahms wird mit dem Schumannlied „Seit ich ihn gesehen“ beantwortet. Amalie Joachim hat „Frauenliebe- und Leben“ oft gesungen. Marjana Lipovsek nimmt jedes Wort so genau wie jeden schön ausmusizierten Doppelschlag. Philip Moll (Klavier) und Thomas Timm (Violine) plädieren für den Komponisten Joachim. Wilfried Strehles charakteristischer Bratschenton sagt mit Brahms: „Joseph, lieber Joseph mein.“ Sybill Mahlke

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