Kultur : KURZ & KRITISCH

Uwe Friedrich

KLASSIK

Große Geste,

klarer Klang

Kaum jemand wollte ein Autogramm von Violeta Urmana . Der Andrang bei der Signierstunde im Anschluss an das Konzert in der Deutschen Oper hielt sich in Grenzen, wie überhaupt der Saal allenfalls zur Hälfte gefüllt war. Andernorts wird die litauische Sängerin zu Recht gefeiert, hierzulande gelten große Sängerinnen jedoch meist erst dann etwas, wenn sie auch von Plattencovern lächeln. Dabei hat Violeta Urmana, was mancher vielbeworbenen Kollegin fehlt: künstlerische Persönlichkeit. Die emotionalen Extremzustände der sterbenden Kleopatra in der Vertonung von Hector Berlioz macht sie nicht zur auftrumpfenden Kurzoper, sondern gestaltet die subtilen Farbwechsel des anspruchsvollen Werks zur beklemmenden Charakterstudie eines verzweifelten Menschen. Sie versteht es, technische Fertigkeit mit disziplinierter Stilsicherheit zu verbinden.

Yves Abel , erster ständiger Gastdirigent des Hauses, animiert das Orchester mit ausladend schwungvollen Gesten zu nicht immer unfallfreiem Spiel. Die Extreme der Berlioz’schen Instrumentation lotet er nicht aus, dafür ist er zu aufmerksam auf seine Begleitrolle bedacht. In Francis Poulencs Orchestersuite „Les Biches“ bleibt der surreale Witz in Andeutungen stecken und entfaltet seinen Charme eher untergründig. Die große Geste liegt dem Orchester der Deutschen Oper deutlich mehr als das pointiert rhythmische Spiel. In Bizets „L’Arlesienne“-Suiten laufen die Musiker zu publikumswirksamer Form auf und werden dafür mit Ovationen bedacht, die sich beinahe an denen für Violeta Urmana messen können.

* * *

KLASSIK

Musikalisches Spiel,

menschliche Stimme

Schon Schiller wusste, dass der Mensch nur ganz Mensch ist, wo er spielt. So begann sich György Kurtág in den siebziger Jahren mit Játékok (Spiele), einer Sammlung kleiner Klavierstücke, aus einer Schaffenskrise zu befreien. Mitglieder des Ensemble Modern stellten im Konzerthaus mit weiteren Solostücken sowie Streichtrios aus der Feder des Ungarn ein reizendes Miniaturenkabinett zusammen. Einer zarten Dreiklangstudie folgen tontraubengesättigte Sturzbäche am Klavier. Eine schlichte Tonleiterfolge hängt dann im Solocello im zartesten Pianissimo buchstäblich am seidenen Faden. Die Behutsamkeit des Spielers weckt Anteilnahme, fast Mitgefühl beim Hörer. Mitgefühl hat man dann auch mit dem SWR Vokalensemble Stuttgart . Der 36-köpfige Klangkörper hat Heinz Holligers Chorzyklus „Shir shavur“ zu wuchten, wahrlich kein Spiel. Das Werk schlingert mit deutsch-hebräischen Texten, Vokalgeräuschen, sperrigen harmonischen Schichtungen und Vierteltönen am äußersten Rand der Realisierbarkeit.

Doch die Mühe lohnt sich: Nirgends entfaltet sich moderne Klanglichkeit so luzide wie in der Verbindung mit der menschlichen Stimme. Kurtágs „Lieder der Schwermut und der Trauer“ für Chor und Ensemble sind ähnlich schwer, aber nur für die Ausführenden. Den Hörern macht es der Ungar erheblich leichter; seine Musik kennt die eindringliche Geste, nimmt am Ende gar Ritualcharakter an. Ulrich Pollmann

* * *

KUNST

Wankende Architektur,

stürzende Statue

Die Heldenpose gelingt nicht im Vorüberstürmen, die Kommunarden halten inne. Lustvoll lichtet die Kamera die Trümmer der verhassten Triumphsäule ab, gestürzte Statuen, ins Wanken gebrachte Architektur. Die Pariser Kommune 1871 war eine der ersten revolutionären Erhebungen, die fotografisch begleitet wurden. Diese historischen Aufnahmen, die die Künstler Alice Creischer und Andreas Siekmann mit einer abfälligen Bemerkung Charles Baudelaires zur Fotografie konfrontieren, sind Teil der Ausstellung !Revolution? Künstlerische Reflexionen massenmedialer Repräsentationen im Collegium Hungarium (bis 14. 1., Karl-Liebknecht-Straße 9, Mo.–Fr. 9–20 Uhr, Sa./So. 15–20 Uhr).

Acht Künstler verfolgen anlässlich des 50. Jahrestags des Ungarn-Aufstands die Verwandlung von Schlachten in Bildschlachten. Die Berlinerin Ines Schaber schreibt einen Brief an Bill Gates, in dessen Fotoarchiv Revolutionsaufnahmen lagern, und warnt ihn vor den rebellischen Geistern der Vergangenheit. Raphael Grisey macht sich auf die Suche nach solchen Gespenstern und gräbt in seinem Video im Wald nach einem Lenin-Monument. Manchmal sind die Spuren des Volkszorns auch nur Müll: Latifa Echakhch filmt einen Reinigungstrupp, der hinter einem Demonstrationszug hinterherwischt. „Die Revolution wird nicht im Fernsehen übertragen“, schrieb einst der Dichter Gil Scott-Heron. Angesichts der Nachrichtenbilder von inszenierten Fahnenverbrennungen und geschwenkten Gewehren fragt sich, ob diese geflügelten Worte heute noch wahr sind. Doch große Zusammenhänge und aktuelle Bezüge vermeiden die hier ausgestellten Arbeiten. Daniel Völzke

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben