Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

KLASSIK

Halb Sir Simon,

halb Mr. Bean

Die „Proms“ in der Londoner Royal Albert Hall sind eigentlich ein hoch seriöses Festival, bei dem auch die Berliner Philharmoniker gerne auftreten. Weltbekannt ist – dank der alljährlichen Fernsehübertragung – allerdings nur die „Last Night“, der musikalische Kehraus des sommerlichen Konzertreigens, bei dem die schönsten Zugaben-Hits zusammengefegt und als Mitmachevent zelebriert werden. Erstaunlich, dass nicht schon früher jemand auf die Idee gekommen ist, diesen Markenartikel der Unterhaltungskultur auf den Kontinent zu exportieren. Zumal offensichtlich kein Patentschutz auf dem Show-Konzept liegt: Sonst könnte das Royal Philharmonic Orchestra jetzt nicht, von Peter Schwenkow organisiert, mit einer mobilen Last Night of the Proms durch acht deutsche Hallen touren, obwohl das Original seit Menschengedenken vom BBC-Symphony Orchestra veranstaltet wird. Dass die Chose funktioniert, ist vor allem der Moderation des Dirigenten Anthony Inglis zu verdanken, der den richtigen Tonfall zwischen Rattle und Mr. Bean trifft und das Orchester zu nuanciertem Spiel selbst bei den Evergreens (Feuerwerksmusik! „Wilhelm Tell“-Ouvertüre! „Cavalleria“-Intermezzo!) animiert. Das Publikum im Velodrom ist very amused, und wenn das Auditorium zum finalen „Pomp & Circumstance“-Marsch aufspringt, Fähnchen schwenkt und inbrünstig „Rule Britannia“ mitsingt, möchte man den lieben Kollegen von der britischen Boulevardpresse triumphierend zurufen: So sieht Patriotismus aus. God save the queen!

* * *

SHOW

Ich bin meine

eigene Frau

„Man muss die innere Gazelle in sich wecken“, murmelt Georgette Dee und wuchtet sich auf den Flügel im Tipi – 26 Jahre Bühnenleben hinterlassen Spuren. Und da sitzt sie dann, die Chansonette, im Schneidersitz, in einem lila Kleid, das irgendwann mal so was wie einen Schnitt gehabt haben muss, und trinkt (Tee? Whisky?) und raucht (Kette!), zwischendurch liest sie aus ihrem Reisetagebuch, dann und wann wird die Stimmung so gedämpft wie das Licht und sie stimmt ein Lied an, begleitet vom Jazzpianisten Nils Gessinger und Jürgen Attig am Kontrabass. Ihre Chansons und Anekdoten schildern das Leben einer Diseuse, das vorzugsweise nachts und in Bars stattfindet. Dee erzählt von „Dee-vine Moments“ in Tokyo und Tunis, wo sie sich der Verzweiflungslust hingibt, umgeben von Amor, einem Kellner mit Hingabehintern und einer „All-American Tunte“. Über den – etwas monothematischen – Erinnerungen liegt ein sehnsüchtig geseufztes „Hach!“. Aufgenommen in ihr Repertoire hat Dee Songs wie Rio Reisers „Stiller Raum“ und Dusty Springfields „Hoping And Wishing“. Einzig bei Sinead O’Connors „Nothing Compares To You“ kommen Zweifel auf, ob es wirklich einer anders, keinesfalls besser vorgetragenen Interpretation bedurft hätte (bis 12.11., Di–Sa 20.30., So 19.30 Uhr) . Richard Kropf

POP

Zuckerkristalle im Teilchenbeschleuniger

Kleine Neckerei unter Freunden: „Nec pluribus impar“ prangt auf einem Banner im Rücken der Versailler Band. Darüber ihr Name: Phoenix . Der lateinische Spruch stammt von Ludwig XIV, er bedeutet sinngemäß: „Auch einer Mehrzahl bin ich überlegen.“ Phoenix sind dem Barock verfallen. In dem gerade angelaufenen Film „Marie Antoinette“ von Sofia Coppola treten sie als Hofmusikanten auf. Ihren Sound hingegen hat die Band – ganz unbarock – entschlackt. Beim Konzert im Kesselhaus wirken die neuen Stücke vom in Berlin aufgenommenen Album „It’s Never Been Like That“ noch kürzer, schneller, geradliniger. Weniger Keyboards, mehr Gitarren, den gemächlichen Rhythmus ersetzt salvenreich ein treibendes Schlagzeug. Zuckerkristalle im Teilchenbeschleuniger, Honig im Shaker. Live behalten die Franzosen ihr Prinzip der Verzögerung bei, erzeugen beinah unerträgliche Schwebezustände, lassen Stücke abbrechen. Passend dazu hat Sänger Thomas Mars, Freund von Coppola und bald Vater ihres Kindes, das Zischen, Fauchen, Schluchzen entdeckt. Am Ende nimmt der Bandleader ein Bad in der Menge, flüstert und hebt die Stimme, die Gitarren schwellen an. Am Ende überschlägt sich sein Gesang, der Jubel ist gewaltig. Daniel Völzke

KLASSIK

Mehr Demokratie

wagen

„Die Violine behält die angestammten und angeborenen Herrscherrechte, aber sie verzichtet auf ihr einstiges absolutes Regiment, bequemt sich zur konstitutionellen Regierung und fährt gut dabei.“ So beschrieb Max Kalbeck die Rollenverteilung im Violinkonzert seines Freundes Johannes Brahms. Im Konzerthaus schienen Thomas Zehetmair und die von ihm als Musikdirektor geleitete Northern Sinfonia die Demokratisierung sogar noch weitertreiben zu wollen: Man bot das Werk, das dem Solisten Zehetmair nur an sehr wenigen Stellen die Hände zum Taktschlagen frei lässt, nämlich praktisch ohne Dirigent. Im Ergebnis erwies sich das basisdemokratische Experiment jedoch als Staatsstreich. Zwar kam es durchaus zu Momenten gleichberechtigten Dialogs zwischen einzelnen solistischen Orchesterinstrumenten und Zehetmair. Aber insgesamt gelang es dem Orchester nicht, Zehetmairs unabgefedert intensiven Klang mit vergleichbar selbstbewusster Ausstrahlung entgegenzutreten, oder ihm auch mal lyrisch-beschwichtigend in den Arm zu fallen. Dass der Jubel für das Brahms-Konzert in erster Linie dem Solisten und nicht dem Orchesterleiter Zehetmair galt, zeigte der schwächere Applaus für Beethovens Eroica nach der Pause. Carsten Niemann

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