Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Clowns

und Coyoten

Zur Geisterstunde entern die Hidden Cameras als achtköpfige Prozession die Volksbühne . Ein zirzensisches Moment ist typisch für die wilde Truppe aus Toronto: Bandleader Joel Gibb wirkt in seinem geringelten Unterhemd wie ein Artist aus einem Fellini-Film, wenn er wie ein liebeskranker Coyote mehr heult als singt. Seine kaum bewegte Mimik spiegelt eine Melancholie, die in Kontrast zum Treiben seiner Mitmusiker steht. Der Violinist, ein glatzköpfiges Energiebündel, hüpft entfesselt herum und liefert sich Duelle mit seinen Streicherkollegen, das ungleiche Keyboarder-Pärchen, ein schlacksiges Jüngelchen und eine dralle Brünette, scharwenzelt herum, während Schlagzeugerin Lex Vaughn rasante Marschrhythmen trommelt. Die Songs der Hidden Cameras sind einzigartig: Ruhend auf einem Folkpunk-Fundament, das an Bands wie die Pogues oder They Might Be Giants erinnert, beschleunigen sie zu furiosen Galopper-des-Jahres-Abfahrten mit gelegentlichen Peitschenschwinger-Lärmschüben. Das Publikum hält es nicht lange auf den Sitzen. Beim fulminanten Instrumental „Heji“ springen alle auf, bis zur zweiten Zugabe nach fast anderthalb Stunden ist die Volksbühne ein Ort enthemmten Tanzens. Selten war Pop als Zirkusnummer so betörend.

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TANZ

Körper

und Kommunikation

„Noch mal!“, bittet er. Und sie berührt noch einmal ihren Hals. Wenn die ersten Worte fallen, springen wir mitten hinein in eine Geschichte, die bis zum Ende kunstvoll in der Schwebe gehalten wird.

Mit dem raffiniert-schlichten Stück Subtitles von Christina Ciupke und Nik Haffner wurde die Reihe „fabrikationen 06“ in der tanzfabrik eröffnet, die bis zum 19.11. zu Text und Tanz lädt. Die Berliner Choreografin und der frühere Forsythe-Tänzer untersuchen: Was löst sprachliches Handeln aus? Zunächst leitet er sie an, sie führt aus – daraus entwickelt sich ein vertracktes kommunikatives Spiel. Der Text, der sich auf trockene Anleitungen beschränkt, wird simultan ins Englische übersetzt. Kommunikation erweist sich als komplizierter Übersetzungsprozess. Das Besprechen der Körper hat etwas unerhört Intimes, zugleich besticht dieser tänzerische Dialog durch untergründigen Witz. Wie viele Worte müssen aufgeboten werden, damit der Andere tut, was man sich wünscht! Der Zuschauer fängt bald an, dem Geschehen Untertitel zu geben. Die Geschichte – eine Liebesgeschichte? – entsteht letztendlich im Kopf des Betrachters. Sandra Luzina

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