Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Kleiner, runder

Rettungsanker

Angesichts seiner Drogenkarriere ist es ein Wunder, dass sich Evan Dando beim Comeback-Konzert der Lemonheads im Postbahnhof in so guter Verfassung zeigt. Der 39-Jährige ist von eindrucksvoll breitschultriger Statur, aber die alte Schüchternheit hat er nicht abgelegt. Mit seinen Begleitern, einem energischen Schlagzeug-Bass-Duo, navigiert Dando durch alte und neue Lemonheads-Songs, die in ihrer Indie-Larmoyanz wie ein rührend nostalgischer Gegenpol zu den Gitarrenrock-Innovationen der letzten Jahre wirken. Das mit seinem Helden in Würde gereifte Publikum begeistert sich an Hits wie „Down About It“, „Ride With Me“ oder „It’s About Time“ und nimmt die neuen, noch nicht ins Kollektivbewusstsein eingesickerten neueren Stücke wohlwollend an. Dandos Gesang strahlt diese charakteristische Müdigkeit aus, die Anfang der Neunziger selbst die lautesten, drängendsten Gitarrenhymnen mit herbstlicher Melancholie bestreute. Dazu spielt er ergreifend schlichte, expressive Gitarrensoli. Als erste Zugabe schrammelt er auf der abgeschabten Akustischen vier Solostücke von kehlenzuschnürender Intensität. Das majestätische „Rudderless“ als Abschluss bringt noch einmal Dandos somnambule Performer-Qualitäten auf den Punkt. Am Ende schaut er erschöpft, aber glücklich ins Publikum. Der Ehering strahlt wie ein Rettungsanker an seiner Hand.

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