Kultur : KURZ & KRITISCH

Kolja reichert

POP

Hüsteln und

maunzen

Wer hat denn die Bluesband bestellt? Die Volksbühne ist ausverkauft, die Fans erwarten die schrullige Chan Marshall mit dem schrulligen Bandnamen Cat Power und ihren lakonischen Folk im intimen Wohnzimmersound. Doch statt ihr nimmt die Memphis Rhythm Band die Bühne ein, mit Streichern, Bläsern und zwei massigen Background-Sängerinnen, und stimmt einen saftigen Bluesstandard an. Als alle Solos durchgenudelt sind, zeigt sie sich dann – mit dem Schaufelschritt eines Trickfilm-Indianers pirscht sich Marshall ans Mikrofon und entzündet erst einmal eine Zigarette. Die Band fährt das Tempo herunter, es erklingt das Pianointro von „The Greatest“, dem Titelsong des aktuellen Albums.

Alles passt zusammen. Schließlich hat die Band, deren Mitglieder schon Al Green begleitet haben, auf „The Greatest“ mitgemischt. Chan Marshalls rauchige, hauchige Stimme füllt sofort den Saal, und die Band legt einen schillernden Klangteppich, der ständig die Farbe wechselt. So sehr klang Cat Power noch nie nach Soul. Entzückend, wie die Amerikanerin, doch eher als Puristin bekannt, das Spiel mit den Background-Damen genießt. Sie macht Fingerspiele, windet sich wie eine Katze, hüstelt und maunzt, ein durchgeknalltes 34 Jahre altes Mädchen, das Souldiva spielt. Ihre Theatralik wendet den Abend immer wieder ins Musicalhafte.

Ihr zweites Set gibt Chan Marshall solo, zerlegt an Piano und Gitarre ihre Stücke und zelebriert lasziv-verträumte Coverversionen von „House Of The Rising Sun“ und „Hit The Road Jack“. Nachdem sich die ganze Band noch einmal von Cat Power über Flamenco bis zu einem Gospel gejammt hat, schenkt Marshall dem Publikum noch ein neues Lied. Das will sie gar nicht gehen lassen.

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ARCHITEKTUR

Lehren und

leiten

Zwar war Oswald Mathias Ungers, der derzeit in der Neuen Nationalgalerie mit einer großen Ausstellung geehrt wird, nur für kurze Zeit Professor an der Technischen Universität. Doch seine Lehre hinterließ tiefe Spuren bei seinen Schülern – darunter viele, die bis heute erfolgreich als Architekten in Berlin arbeiteten. Mit guten Gründen widmet sich daher eine Ausstellung im Architekturforum der TU der Rolle von Ungers als Lehrer (Straße des 17. Juni 152, bis 9. Dezember, Katalog 29 €). Gerade einmal fünf Jahre, von 1964 bis 1969, dauerte Ungers Berliner Phase, ehe er nach Cornell in die USA wechselte, da zu diesem Zeitpunkt eine „ordentliche“ Lehre an der TU nicht mehr möglich war. Die Studentenunruhen hatten die Stadt fest im Griff. Zuvor hatte er mit seinem strukturellen Ansatz ebenso wie mit seinen Wochenaufgaben für die Studierenden und den „Veröffentlichungen zur Architektur“ neue Akzente gesetzt. Mit Modellen, Plänen und Vortragsmitschnitten bemüht sich die Ausstellung, Einblicke in das Ausbildungskonzept des Meisters der Quadrate zu geben. Aber auch eigene Arbeiten des Architekten sind zu sehen, wie Ungers’ Beitrag für den „städtebaulichen Ideenwettbewerb 4. Ring“ im Schweizer Viertel in Lichterfelde. Leider verzichtet die Ausstellung jedoch auf tiefer gehende Erläuterungen, sodass sie sich ohne die Lektüre des Ausstellungskatalogs nur Eingeweihten erschließt. Jürgen Tietz

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KABARETT

Witzeln und

walzen

„Bezirkslieder“ – ein solcher Titel ist nicht gerade ein Versprechen für einen großartigen Kabarett-Abend. Horst Evers und Benedikt Eichhorn haben ihn dennoch gewählt. Und so tragen der Geschichtenerzähler Evers (wie immer im roten Cordhemd) und sein Pianist Eichhorn (bekannt vor allem durch seine Auftritte als Begleiter von Pigor) im BKA am Mehringdamm einen Abend lang Geschichten und Lieder zu den noch nicht fusionierten 23 Berliner Bezirken vor. Dabei sind es vor allen Dingen Evers’ Songtexte, die sich bei jeder Gelegenheit kampflos der ersten Assoziation ergeben: In Tempelhof wohnen die Rentner, in Steglitz die Spießer, in Hohenschönhausen die Nazis, in Schöneberg die Schwulen. Und wenn er von Zehlendorf singt, schraubt er die Stimme Richtung Hitler. Originellere Einfälle sind vorstellbar. Dazu spielt Eichhorn Melodien wie „Where The Wild Roses Grow“, „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ und „Azzurro“. Was dem Programm fehlt, sind Bissigkeit und Pointen, die aus Witzchen Witze machen – hier aber wird ein Gag wie: „Sagt der Kunde zur Bäckerin: Ich würde gerne für morgen ein Brot von gestern vorbestellen“ ausgewalzt, bis er wirklich vertrocknet ist. Das Fazit scheint banal: Wenn man am Ende eines Kabarett-Abends immer noch nicht so richtig gelacht hat, dann war es kein guter. Aber das hatte der Titel ja auch nicht versprochen (bis 12. November, Mi, Fr, Sa, So, jeweils 20 Uhr) . Richard Kropf

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