Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Atem

der Ewigkeit

Gefeiert wird der 60. Geburtstag beim Deutschen Symphonie-Orchester ohne viel Großtuerei: Allein das Grußwort des neuen ROC-Intendanten Gernot Rehrl erinnert in der Philharmonie daran, dass der Abend als offizielles Jubiläumskonzert ausgewiesen ist. Schönbergs Violinkonzert statt „Freude, schöner Götterfunken“, Debussys „Martyrium des Heiligen Sebastian“ statt Wunschkonzerthäppchen, und obendrauf noch Bruckners Zweite: Das DSO rückt auch zum Sechzigsten keinen Zollbreit davon ab, sein Publikum zu fordern. Über Jahre haben Kent Nagano und sein Dramaturg Dieter Rexroth daran gearbeitet, die Form des klassischen Sinfoniekonzerts mit neuen Inhalten zu füllen. Durch ihre Programm-Konfrontationen ist es immer wieder gelungen, ein Bewusstsein für die Bedrohtheit zu schaffen, der die große sinfonische Form seit Beginn des 19. Jahrhunderts ausgesetzt war. Musik als Versuch, eine auseinanderdriftende Welt zu einem geistigen Konsens zusammenzuzwingen – so lässt sich vielleicht am ehesten die Perspektive beschreiben, aus der Nagano, Rexroth und das DSO gezeigt haben, dass Klassik kein Museumsdienst ist, sondern Antworten auf die Sinnfragen der Gegenwart bereithält.

Auch das Jubiläumsprogramm, für das der Neu-Münchner Nagano noch einmal zu seinem alten Orchester zurückgekehrt ist, erklärt sich aus diesem Blickwinkel. In gewisser Weise präsentiert die erste Abendhälfte zwei entgegengesetzte Zerfallsprodukte der Moderne: Debussys Orchesterstücke, in denen das Diktat der klassischen Form zugunsten eines Primats von Farben und frei schwebender Atmosphäre aufgegeben wird, und Schönbergs Konzert mit seinem Diktat einer bis ins Kleinste festgeschriebenen Form, der alle anderen Parameter unterworfen sind. Eine Gegensätzlichkeit, die gerade dadurch umso deutlicher hervortritt, als Nagano Debussy eben nicht impressionistisch verschwimmen lässt und Schönberg mit romantischer Klangtiefe auflädt (Solist: Kolja Blacher).

Bruckners Zweite Sinfonie wird in diesem Zusammenhang zum Blick zurück auf eine Keimzelle dieser Klangweltenspaltung: Als ungestümer, mit verbissener Energie aufgeladener Versuch, die Schlüssigkeit des sinfonischen Konzepts zu erzwingen. Ein Scheitern, dem Nagano und das hinreißend spielende DSO alle mögliche Schönheit abgewinnen. In der Unbekümmertheit, mit der Bruckner hier noch mit Motiven und sinfonischen Bausätzen um sich schmeißt, aber vor allem in der atemberaubenden inneren Ruhe, mit der die Musiker den langsamen Satz erfüllen: als Augenblick der sinfonischen Erfüllung, der in seinen wunderbaren Streicherklängen versucht, in die Ewigkeit zu transzendieren. Ein großer Abend eines großen Orchesters.

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OPER

Windhauch

der Zukunft

Auch er ist ein Star im Ensemble der Komischen Oper: der Kinderchor. So spielfreudig, so überzeugt vom eigenen Tun wie das von Christoph Rosiny und Jane Richter geleitete Ensemble möchte man Opernchöre immer erleben. Verdient hatte es der bestens einstudierte Nachwuchs also, dass die Komische Oper ihre neue Premiere speziell mit Blick auf seine Fähigkeiten ausgesucht hat. Pinocchio heißt die Oper, in der die Kinder neben den fünf Profisängern sogar mit kleinen solistischen Rollen hervortreten dürfen (wieder am 10., 12., 19., 26. und 27. November). Hierfür wurde das 2001 entstandene Stück von Pierangelo Valtinoni (Musik) und Paolo Madron (Libretto) sogar komplett überarbeitet. Nicht viel hätte gefehlt, und man hätte die gute Nachricht verbreiten können, dass ein großes Berliner Opernhaus ein überzeugendes, populäres neues Musikdrama zu einem aktuellen Thema geschaffen habe. Denn schließlich stellt Pinocchio die Frage nach dem Sinn von Disziplin.

Dass man die schöne Chance vertat, diese Frage in einen überzeugenden dramatischen Konflikt zu verwandeln, das lag unter anderem an den weitschweifigen, holprig übersetzt wirkenden Versen („von deinen Eskapaden hast du immer nur Schaden“), vor deren übermäßigem Genuss einen die insgesamt schlechte Textverständlichkeit des durchkomponierten Stücks bewahrte.

Doch wenn schon nicht als Musikdrama, so funktionierte die Oper doch als großartiges Bilderbuch: Neben der vielfältigen illustrativen Musik sorgten dafür vor allem Christine Mayrs Kostüme und Benita Roths Bühne. Der riesige, poetisch-nachtblaue Zauberschrank, aus dessen Schubladen der Kinderchor hervorstieg, war dabei auch ein Star der Aufführung. Carsten Niemann

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