Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

KLASSIK

Das Ende der Zeit

Es mag ein Klischee sein, dass die moderne Musiksprache vor allem als Ausdrucksmittel für Schmerz und Trauer taugt. Aber etwas Wahres ist dran, wie ja überhaupt die Gegenwartskunst das Unbehagen an der Moderne ausdrückt. Pierre-Laurent Aimard nutzt im Kammermusiksaal diese Seite der Moderne für eine komponierte Konzertmeditation. Er stellt Imre Kertész ’ „Roman eines Schicksallosen“ eine Reihe kurzer Klavierstücke von Ligeti, Schönberg und Kurtág als musikalische Kommentare zur Seite. Kertész, der Auschwitz und Buchenwald überlebt hat, liest dazu Roman-Auszüge. Episoden, die das Erlebte in Begegnungen und Gesprächen reflektieren und behutsam verwahren. Aimard schafft mit seinen schlichten, kühlen Klavierminiaturen Distanz und Assoziationsräume. Olivier Messiaen schrieb sein „Quatuor pour la fin du temps“ 1941 im Kriegsgefangenenlager Görlitz, inspiriert von den Offenbarungen des Johannes. Ein Engel verkündet das Ende der Zeit, mächtige Trompeten lassen Tänze des Zorns erschallen. Dazwischen immer wieder das Lobpreis Jesu. Aimard und die Berliner Philharmoniker Guy Braunstein, Georg Faust und Wenzel Fuchs legen den Akzent deutlich auf die furiosen Passagen. Die meditativen Seiten dieses Jahrhundertwerks hat man schon eindringlicher gehört.

0 Kommentare

Neuester Kommentar