Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniel

POP

Geknackte Autos,

gebrochene Herzen

Auf der winzigen Bühne vom Knaack stehen Cracker noch enger zusammen als nötig. Eine kompakte Truppe mit fest zusammengeschweißtem Sound. Songschreiber David Lowery im Zentrum, dick eingepackt von Gitarre, Schlagzeug, Bass und Orgel, wirkt mit kurzen Haaren und schwarzem Brillengestell eher wie ein Rockkritiker als ein Rockstar. Er spielt eine seltsam geformte E-Gitarre und singt mit ruppiger Stimme knackend schöne Melodien über Sünder, Trucker, Lügner, Nutten, Alkoholiker, aufgebrochene Autos, gebrochene Herzen und all die anderen Jungs, die immer die schönsten Frauen abbekommen. Geschichten von Außenseitern und Verlierern. Und Johnny Hickmann, exquisiter Gitarrist mit Ziegenbärtchen, zerrt schmutzige Klänge aus seiner 78er Les Paul Standard, die er liebevoll „Lucky Seven“ getauft und übersät hat mit kruden Gravuren: dem Namen seines Sohnes und einer Aids-Schleife zum Gedenken an seinen verstorbenen Bruder Dave.

In jedem Ton spürt man Johnnys Leidenschaft für das Instrument, für das Leben, in jedem Zucken seines Körpers, im Blitzen seiner Augen. In heftigen Riffereien, kreischenden Solos, tiefem Getwängel, Gedrahtel und dem von den frühen Fleetwood Mac gepumpten „Oh-Well“-Riff im Song „One More Chance“ vom neuen Album „Greenland“. Dazwischen melancholisch schönes Texmex-Akkordeon von Kenny Margolis in herzerweichenden Balladen. Das ganze weite Cracker- Spektrum der letzten 15 Jahre, von rasant geachteltem, britisch klingendem Gepunke bis zu wurzeligen Americana, melodischen Country-Schauklern. Oh, möge es doch nie aufhören, ruft ein verzückter Fan. Die Musiker lächeln. „I have lost the one I love“, singt Lowery. Und nach 105 Minuten ist Schluss. „Thank you, goodnight!“

THEATER

Geklaute Uniformen,

tragödische Anflüge

Logik und Prävention, so belehrt uns Carl Zuckmayers deutsches Prekariatsmärchen „Der Hauptmann von Köpenick“ , gehörten auch vor hundert Jahren nicht zu den Kernkompetenzen der Behörden: Der Schuster Wilhelm Voigt braucht eine Aufenthaltsgenehmigung, um einen Job zu bekommen. Einen Job wiederum kriegt er nur mit Aufenthaltsgenehmigung. Das Resultat ist bekannt: Voigt erwirbt beim Trödler eine Hauptmannsuniform, lässt den Köpenicker Bürgermeister verhaften und stellt damit den gesamten tumben Macht- und Repräsentationsapparat bloß.

Jürgen Wölffer hat den „Hauptmann von Köpenick“ in der Komödie am Ku’damm nach allen Regeln des Unterhaltungstheaters inszeniert: Als flotte Mundartposse mit Klavierbegleitung und historisierenden Kostümen. Die Idee, das zirka 50- köpfige Zuckmayer’sche Personal ganzen sechs wandlungsbegabten Schauspielern anzuvertrauen, sorgt für Witz und Tempo. Die multifunktionalen Pappmachéwände (Bühne: Saskia Kuntzsch- Zschoch), die sich sekundenschnell zur Amtsstube oder Eckkneipe zusammenschieben lassen, tun das Übrige. In die Unmengen falscher Hauptmänner, die das Stück seit seiner Uraufführung im Berliner Deutschen Theater 1931 verschliss, reiht sich Dietmar Mues solide ein: eine rechtschaffen komödiantische Gestalt, die sich durch tragödische Anflüge nicht aus der Bahn werfen lässt.

Auf Aktualisierungen verzichtet Wölffer, aber wo Zuckmayers „deutsches Märchen“ von selbst mit unfreiwilliger Zeitgenossenschaft brilliert, spendiert das Premierenpublikum Szenenapplaus. Mit Sätzen wie „Die mussten den Etat kürzen, und dann trifft es eben mich“ kann man in Berlin nicht erst seit dem Karlsruher Urteil hundertprozentige Lacher ernten. Christine Wahl

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