Kultur : KURZ & KRITISCH

Gerrit Bartels

POP

Melancholische

Knorrigkeit

So kann das gehen, wenn eine Band über das Internet und mit einem bewusst analogen Namen plötzlich zur Indierockentdeckung des Jahres wird: Ein Laden wie der Magnet Club kommt fast an die Grenze seiner Kapazitäten, zumindest in die vorderen Reihen ist kein Durchkommen. Die Musik von Tapes’n’Tapes aus Minneapolis, Minnesota, aber lebt von ihrer Intensität genauso wie sie Raum zur Entfaltung braucht. Tapes’n’Tapes spielen Indierock-Epen, die mit ihren Stimmungswechseln, ihren rasanten Aufs und Abs und ihrer melancholischen Knorrigkeit sehr eigen sind und höchstens von fern an Bands wie Modest Mouse, die Pixies oder Violent Femmes denken lassen. Im Magnet mit seiner trotz überschaubarer Größe irgendwie unguten Verschachteltheit geht da auf vielen Stehplätzen und sowieso hinten an der Theke viel verloren.

So ist dieses Konzert ein zwiespältiges Vergnügen: Tapes’n’Tapes, wie es sich für Indierockbands gehört, im klassisch studentischen Nicht-Outfit und mit viel Bart, mühen sich zwar redlich. Sie pumpen Kraft in ihre Songs, wo diese es nötig haben, und sind in den ruhigeren Passagen so leise und hingebungsvoll, wie es hier nur geht. Trotzdem sehnt man sich nach Hause, um ihr Debütalbum „The Loon“ zu hören und den im Magnet verloren gegangenen Zauber der einzelnen Songs wiederzuentdecken. Nur einmal kommen Konzert und Album zur Deckung: Als das Vollbart-Quartett seinen Hit „Insistor“ spielt, einen Song, den man jetzt schon als Indierockklassiker bezeichnen kann. Der wirkt auch hier leicht und stürmisch und voller Hingabe und Zärtlichkeit, der funktioniert wahrscheinlich an jedem Ort und zu jeder Zeit und völlig unabhängig von der Verfassung des Zuhörers. Ganz groß, ganz rührend. Genauso rührend übrigens, dass es am Merchandising-Stand „The Loon“ sogar auf Kassette gibt – nomen est omen, und schützt trotzdem nicht vor Raubkopien.

KUNST

Mitleidloses

Messerwetzen

Ein gebratenes Kaninchen verspeist sich leicht. Schwer hat es dagegen, wer das Tier auch noch schlachten muss. Sonja Alhäuser bereitet im 7hours Haus 19 Kaninchen zu. Das heißt: Auf Zeichnungen und in Trickfilmen zerlegt sie Kreisläufe rund um die schmackhafte Sorte „Deutscher Riese“ – von der Fütterung bis zum Gefuttertwerden. Der Ort ist ein ausgedientes Nutztier-Versuchslabor auf dem Campus der Humboldt-Universität (bis 25. 11., Park Campus Nord, Di – Sa 14 – 18 Uhr). Alhäusers Spezialität sind aquarellierte Rezeptzeichnungen, die nachkochen kann, wer die witzig-verschrobene Zeichensprache der Künstlerin zu entziffern vermag. Vor allem fasziniert die barocke Sinnenlust dieser Papierarbeiten, die neuerdings durch animierte Videoprojektionen ergänzt werden. Zu erleben ist etwa ein Kaninchenleben im Schnelldurchlauf – Häschen hüpft, die Kugel trifft, die Pfanne schmurgelt und das entbeinte Tier wird am Ende mit einem Schwall Weißwein verfeinert. Alhäuser kennt den Zwiespalt der Köchin zwischen Empathie und mitleidlosem Messerwetzen. Auf einer gezeichneten Aufzuchtanleitung warnt sie symbolisch – zwei Hände verdecken ein Augenpaar – davor, persönliche Beziehungen zur Schnuppernase aufzunehmen. Leicht gesagt: Im selben Ausstellungsraum hoppeln echte Karnickel im Gehege. Jens Hinrichsen

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