Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Eine Kugel

geht noch rein

Der Erzkomödiant schiebt sich eine Mozartkugel in den Mund, und die Leute lachen. Denn er ist angehalten, für eine Werbekampagne eine solche Kugel öffentlich zu essen und gleichzeitig eine kulturpolitische Rede zu halten. Der Erzkomödiant heißt Otto Schenk und erobert die Philharmonie , indem er aus Mozarts „Schauspieldirektor“ das Unikum eines Striese im 21. Jahrhundert macht. Das Deutsche Sympho nie-Or chester spielt Musik für Festlichkeiten und feiert mit dem Mozartjubiläum auch das eigene 60-jährige Bestehen. Die „Posthorn-Serenade“ profitiert davon, dass sich Sir Neville Mar riner auf seinem ureigenen Gebiet befindet. Flötenüberglänzt antwortet der Orchesterklang seiner hellen Vitalität. So auch in der Ouvertüre des „Gelegenheitsstücks“ um den Impresario, das Eberhard Streul neu betextet hat. Vom kaiserlichen Auftragswerk mit Schauspielanteilen zum bürgerlichen Trivialschwank. Diese Gattung verfehlt kein Publikum, zumal verbunden mit gesanglicher Professionalität. Lothar Odinius und Carsten Sabrowski überlassen Ofelia Sala und Noemi Nadelmann den Vortritt, die als Primadonnen um die Position der „ersten Sängerin“ streiten. Beide haben sie verdient. Nur einmal bei den sonst unangetasteten Gesangsnummern taucht im Bass die Werbung wieder auf: Es geht schließlich um die Mozartkugel und den „Otti“ Schenk.

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PERFORMANCE

Im Dickicht

der Klänge

Die Szenerie im Tesla erinnerte ein wenig an ein Duell. Zwei Generationen elektronischer Musik prallten aufeinander. Klangtüftler Steve Roden saß konzentriert hinter seinem Laptop, um ihn herum ein Gewirr aus Kabeln. Roden gegenüber türmte sich die sperrige, fast archaisch anmutende Talking Machine auf – eine über zwanzig Jahre alte Erfindung des Klangkünstlers Martin Riches, der als Zuhörer im Publikum saß.

Mit ökonomischen Handbewegungen steuerte Roden die Apparatur über seinen Laptop. Die Druckluftmechanik ächzte. Klackernde Geräusche schwirrten durch den Raum. Eine schrille quäkende Tonfolge schlängelte sich durch das Klanggewebe. Verspielt und mechanisch klang das bisweilen, dann fühlte man sich an eine blökende Schafsherde erinnert.

Ursprünglich hatte Riches die Talking Machine als Sprechmaschine entwickelt. Doch Rodens Performance zeigte: eigentlich ist sie ein schillerndes Instrument. Nach dem Konzert sah man Riches auf Roden zugehen. Der fragte, wie es ihm gefallen habe. Riches sagte erst nichts, nickte dann verbindlich. Henrik Lakeberg

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KLASSIK

Schubert

für Wache

Das Publikum bedachte Rudolf Buchbinder mit sattem Applaus. Was sich in Schuberts letzter Klaviersonate D 960 an Konflikten aufstaut, wollte der virtuose Kehraus gar nicht vergessen machen. Alle pseudo-autobiographische Morbidezza des in Todesnähe geschriebenen Werkes vermeidend, spielte Buchbinder das Stück im Kammermusiksaal mit dem gleichen Anspruch an die motivisch-thematische Substanz, wie er es bei einer Beethovensonate getan hätte. Wie viele romantisierende Effekte hätte schon das Kopfsatzthema zugelassen. Buchbinder aber spielte es mit der ihm eigentümlichen Melange von Singen, Sinnen und Sprechen, die sachliche Klarheit bietet, ohne nüchtern zu wirken. Mit einer Mischung aus Intensivität und Klarheit bekam man auch das motivische Geschehen in den Mittellagen zu hören; faszinierend besonders dort, wo Buchbinder sie mit dem warm timbrierten Alt seiner linken Hand darbot. Mit seinem Verzicht auf Weichzeichner zeigte Buchbinder, dass man Schuberts Harmoniewechsel nicht nur im halbbewussten Taumel genießen kann, sondern auch als klar disponiertes Drama. Carsten Niemann

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KUNST

Das Ich

im Spiegel

Es ist ein Pioniertreffen: Der Neue Berliner Kunstverein gründete 1972 ein Video-Forum, der Amerikaner Ira Schneider nahm 1969 in New York an der weltweit ersten Videokunstschau „TV as a Creative Medium“ teil. Noch eine Premiere, eine aktuelle, ist die erstmalige Auszeichnung eines Videokünstlers mit dem Hannah-Höch-Preis. Passend zur Patina ist Schneiders Werk ein bisschen Dada, das beweisen seine Kurzfilme und Videos, die zur Preisträgerausstellung Mysteries in Realities präsentiert werden (bis 17. Dezember, Oranienstr. 25).

Schneider fotografiert auch. Das Gros der ausgestellten Arbeiten stammt aus seiner Zeit in Berlin ab 1993. „Es gibt ein Loch in Brandenburg, das heißt Berlin, ich wohne mittendrin“, so der Künstler und begann Baustellen abzulichten, legte aber den Fokus auf abstrahierte Flächen: Bauplanen und Gerüste. Einem Tauchgang in die Welt der Videokunst kommt die interaktive Arbeit „Echo“ von 1975 gleich: Durch zeitversetzte Wiedergabe und Überlagerung mehrerer Bildebenen begegnet der Betrachter auf dem Monitor alten Bekannten: sich selbst, sich selbst und sich selbst. Eine Arbeit für die kleine Identitätskrise zwischendurch. Jens Hinrichsen

ARCHITEKTUR

Die Zeit

im Bau

Wie sähen der Platz der Republik und der Spreebogen heute aus, hätte die Weimarer Republik ihre geplanten Staatsbauten verwirklicht? Statt Kanzleramt und PaulLöbe-Haus würde dort ein seltsamer Turm zu Babel emporwachsen, den der Architekt Otto Kohtz aufschichten wollte. Oder Hans Poelzig hätte seine Hochhausscheiben in den Halbkreis des Spreebogens eingeschrieben. Doch mit der Weimarer Republik gingen auch ihre Planungen unter. Stattdessen wollte das Horror-Duo Hitler-Speer dort seine Nord-Süd-Achse enden lassen. In einer sehenswerten Ausstellung, die auf Christian Welzbachers Studie beruht, begibt sich die Plansammlung der TU auf die Suche nach der Staatsarchitektur der Weimarer Republik (Architekturgebäude der TU, Ernst Reuter Platz, bis 2. Feb., Begleitband im Lukas Verlag 48 €). Dabei zeigt sie herausragende Blätter aus ihrer einzigartigen Sammlung an Architekturzeichnungen. Neben den Arbeiten des heute fast vergessenen Kohtz sind dies vor allem die mit kraftvollen Kreidestrichen gezeichneten Entwürfe Poelzigs für die Reichstagsumgebung. Auch seine Pläne eines „Reichsehrenmals“ für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs bei Bad Berka werden vorgestellt. Es ist charakteristisch für die Zerrissenheit der Weimarer Demokratie, dass auch dieses Projekt nie verwirklicht wurde. Jürgen Tietz

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