Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

ROCK

Auf dem Teppich

geblieben

Leicht zu fassen ist diese Band auch nach über 20 Jahren nicht: Yo La Tengo steigen im Postbahnhof mit zwei knüppelharten Freistil-Noiserock-Brechern ein, dass einem die Trommelfelle dröhnen. Bassist James McNew und Schlagzeugerin Georgia Hubley rollen krautig verfilzte Rhythmusteppiche aus, auf denen sich Ira Kaplan lustvoll in schmerzhaften Gitarrenkakophonien wälzt. Wer jetzt eine Dauerlärmattacke des Trios aus Hoboken erwartet, reibt sich bei „Stockholm Syndrome“ verwundert die Ohren: Eine betörende Kinderliedmelodie wird von James McNew mit fistelfeinem Falsett gesungen, dazu raschelt Georgia mit den Besen, nur Ira schwingt kurz die Soloaxt. Yo La Tengos neue Stücke offenbaren funkige Eingängigkeit, vor allem das discotaugliche „Mr. Tough“ mit einem entspannt orgelnden Ira. Überhaupt hat man die Band lange nicht so gut gelaunt gesehen. Selbst der notorisch einsilbige Ira wird im Laufe des über zweistündigen Konzerts immer redseliger. Meisterhaft, wie er den „Blue Line Swinger“, das Opus Magnum der Band, durch ein mörderisches Freakout zerhäckselt, um ihn in langen Melodiebögen wieder zusammenzuflicken. Bei den Zugaben fällt man von einer Verzückung in die nächste: „Speedy Motorcycle“, von Ira unfassbar zärtlich gesungen. Sun Ras Protest-Klassiker „Nuclear War“ als Rave-Happening mit Georgia und James als Trommelduo. Das wie ein Gezeitenwechsel pulsierende Mantra „Nowhere Near“. Hypnotischer kann Popmusik nicht sein. Und ganz am Schluss wispert Georgia eine zu Tränen rührende Version von George Harrisons „Behind That Locked Door“.

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ARCHITEKTUR

In die Wüste

geschickt

Aus Berliner Sicht ist Kairo der Albtraum – und vielleicht die Zukunft der Stadtplanung. Geschätzt 7,7 Millionen Einwohner auf einer Fläche, die ein Viertel der Fläche Berlins ausmacht, das sind im Schnitt zehn Mal so viele Einwohner pro Quadratmeter wie in Berlin. Der Großraum Kairo ist mit 17 Millionen Einwohnern neben Lagos die größte Stadt Afrikas, täglich ziehen etwa 1000 Landflüchtlinge hinzu und leben zumeist in illegalen Siedlungen am Stadtrand. Auf der Architekturbiennale in Venedig, die in diesen Tagen zu Ende geht, war Kairo eine der fünf Modellstädte, anhand derer Probleme der zukünftigen Mega-Städte erörtert wurden. In der kleinen, informativen Ausstellung Kairo – Bauen und Planen für Übermorgen in der ifa-Galerie Berlin (Linienstr. 139/140, bis 14. Jan., Di, Mi, Fr 12-18, Do 12-20, Sa/So 11-16 Uhr) widmet man sich fünf exemplarischen Projekten: einem Park, den die Aga-Khan-Stiftung im Herzen der Altstadt, direkt an der mittelalterlichen Stadtmauer, errichten ließ. Oder der Erschließung einer der illegalen Siedlungen, die am Fuße des Mokattam-Gebirges entstanden sind. Die Neuplanung „New Cairo City“, in der Nähe des Flughafens in der Wüste gelegen, zeigt den Horror einer ohne Regelvorgaben entstandenen „Gated Community“. Und die Entwürfe Stuttgarter und Kairoer Studenten für die Erschließung des Nilufers direkt in der Innenstadt müssen mit brutal hingeklotzten Solitären wie dem Ramses Hilton und dem Auswärtigen Amt leben. Am umstrittensten sind derzeit die Pläne für einen Neubau des völlig überquellenden Ägyptischen Museums in unmittelbarer Nähe der Pyramiden. Bislang steht dort nicht mehr als ein Bauschild und die monumentale Ramses-Statue, die früher vor dem Hauptbahnhof stand. Christina Tilmann

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