Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Liebe und

Gegenliebe

Es gibt wenige Konzertsäle, die ein paar hundert Menschen Platz bieten und doch die Intimität eines Wohnzimmers ausstrahlen. Das Lido ist so ein Ort. Nirgendwo könnte Joan Wasser an diesem Abend besser aufgehoben sein. Als die New Yorkerin sich im tief dekolletierten Goldlamékleid an das abgeschabte E-Piano setzt und behutsam die Balladen „Show Me The Life“ und „To Be Lonely“ singt, wird ihre Stimme fast vom Gläserklirren und Klicken der Fotoapparate übertönt. Man ahnt, wie dieser Auftritt in zugigerem Ambiente schiefgehen könnte. Aber das Publikum errichtet einen Schutzraum aus Sympathie und lauscht hingebungsvoll – und wird reich belohnt. Zum dritten Song „Flushed Chest“ kommen Bassistin Rainy Orteca und Drummer Ben Perowsky dazu. Als Band heißt man Joan As Police Woman , aber dies ist der Abend von Joan Wasser. Mit ihrer mal rauchig tiefen, fast wie Billie Holiday klingenden, dann wieder singvogelhellen Stimme gleitet sie schwerelos durch Lieder, die ein Amalgam aus laszivem Southern Soul, Songwriter-Melancholie und Rock-Burschikosität bilden. Ihre Ausstrahlung ist so irisierend wie die Musik: Erst gibt sie sich geheimnisvoll und sexy, dann kichert sie mädchenhaft über kecke Zwischenrufer und findet Zeit für die süßeste Bandvorstellung seit langem. Highlight eines ergreifenden, sehr emotionalen Konzerts ist „We Don’t Own It“, eine todestraurige Ode an den Songwriter-Freund Elliott Smith, der sich vor drei Jahren das Leben nahm. Den dicken Kloß im Hals lächelt Joan Wasser beiseite. „We love you“, schreit das Publikum entzückt. „I love you more“, kommt als Antwort. Man glaubt es sogar.

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KUNST

Hokuspokus

und Handynetz

Ein riesiger Stadtplan füllt die ganze Wand: Berlin, überzogen mit einem feinen Gitter. Was aussieht wie die Justierung von Handynetzen, ist die „geoenergetische Kartografierung“ der Stadt – Wünschelruten-Hokuspokus mit Stadtplanung gekreuzt. Viel mehr ist in der Ausstellung Kraft der Erde des Litauers Arturas Raila im Künstlerhaus Bethanien nicht zu sehen (Mariannenplatz 2, bis So 26. 11. November, Mi–So 14 –19 Uhr).

Der Schering-Stipendiat hat schon viel miteinander konfrontiert, hat Biker auf ihren Motorrädern zu Vernissagen eingeladen, litauische Kollegen mit versteckten Kameras als antiwestliche Kulturkämpfer entlarvt und Videos mit Rechtsradikalen gedreht. Jetzt hat er zwei baltische Wünschelrutengänger durch Berlin geschickt und präsentiert deren Ergebnisse im Ausstellungskontext – originell und hübsch anzusehen: Unter der Stadt fließen Energieströme und bestimmen unser Leben. Der Knalleffekt hält sich diesmal allerdings in Grenzen. Kunst mit Esoterik gibt es auch im Wendland, und auf die Schnelle hat noch niemand sein erstarrtes technizistisches Naturbild aufgegeben. Man hängt doch an dieser Welt aus Glasfaserleitungen. Raila glaubt, so ist zu lesen, wirklich an die Kraft der Erde. Julius Hess

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