Kultur : KURZ & KRITISCH

Isabel Herzfeld

KLASSIK

Knisternde Spannung,

zartes Wunder

Ein spannendes Programm, zwei hochkarätige, bestens aufeinander eingespielte Interpreten – und trotzdem will der Funke bei Maxim Vengerov und Lilya Zilberstein in der Philharmonie nicht so recht überspringen. Wirklich befreites Musizieren ereignet sich eigentlich nur in der ersten Zugabe, dem Ungarischen Tanz Nr. 5 von Johannes Brahms. Durchaus verheißungsvoll auch der Beginn: Mozarts Adagio E-Dur KV 261, ursprünglich als Alternative zum Mittelsatz seines A-Dur Violinkonzerts gedacht, ist ein kleines Wunder an Klangzärtlichkeit. Vengerovs modulationsreicher Violinton schwebt hier einschmeichelnd über den terzenseligen Girlanden des Klaviers, in der Kadenz füllt einsame Arioso- Beredsamkeit den Raum. Der erscheint, eben noch vor Spannung knisternd, bei Beethovens c-Moll Sonate plötzlich als viel zu groß: Zwar wird jedes Detail sorgsam ausformuliert, Zilberstein passt sich dynamisch vorbildlich dem feineren Violinton an, doch ist gerade ihr filigranes Gemurmel so kultiviert und kontrolliert, dass jede spontane Emotion darin stecken bleibt.

Die wird dann in Sergej Prokoffiews düsterem f-moll Werk aus der Zeit stalinistischer Formalismus-Anklagen zwangsläufig freier, von fahlen Unisono-Gängen und wild ausbrechenden Akkordmassen herausgefordert. Unendlich zart lässt der Geiger die weitschwingende Andante- Melodie dahinschmelzen, führt nach lärmender Virtuosität in die Schwermut des Anfangs zurück. Und dann ist in einer Auswahl aus Schostakowitschs 24 Préludes op. 34 die Luft auch leider schon wieder raus: zu lapidar die Zeichnung allzu ähnlicher Charaktere des Grotesken, Tänzerischen, Ironisch-Lyrischen. Mehr Intimität und Nähe zu den Künstlern, im kleineren Raum statt in der nicht ausverkauften Philharmonie, hätte ihre Kunst des delikaten Klangs und der beredten Andeutung zweifellos besser zur Geltung gebracht.

KUNST

Wie aus dem

Ei gepellt

Die eiförmige Teekanne aus schneeweißem Porzellan wirkt wie eine alte Bekannte. Zahlreiche Porzellanfirmen haben die ovale Form im Sortiment. Diese hier hat Trude Petri geschaffen. Frisch bei der Staatlichen Porzellanmanufaktur Berlin (KPM) eingestellt, entwirft die 24-jährige Porzellandesignerin ihr erstes Tafelgeschirr. Während vergleichbare Stücke anderer Designer eher Gemütlichkeit und Bodenständigkeit ausstrahlen, wirkt „Urbino“ leicht und elegant – und erstaunlich zeitlos. Dabei ist das zarte Service durchaus funktionell. Wie die Ragoutschüssel, deren Deckel, auf seinen Griff gestellt, zur Schale wird. Unübersehbar asiatisch der Einfluss – auch hier ist Urbino modern.

Entstanden ist das Service Anfang der dreißiger Jahre, wahrlich keine einfache Zeit mit Rekord-Arbeitslosigkeit im Zuge der Weltwirtschaftskrise. „Neue Sachlichkeit“ lautet die Forderung, schlicht und funktional sollen Gegenstände sein. Trude Petri setzt das geradezu perfekt um. Das Besondere an Urbino: Alles ist konsequent aus der Grundform des Kugelabschnittes aufgebaut – ein Welterfolg, bis heute stilbestimmend.

Kurz nach Petri holt Günther von Pechmann, künstlerischer Leiter bei KPM, 1932 auch den Bildhauer Siegmund Schütz . Der entwirft für die Service Dekore aus dezenten Biskuitreliefs. Wie gut die zwei Künstler harmonieren, zeigt das Teeservice „Arkadia“. Petri entwickelt die Form, Schütz verziert. Seine Medaillons sind Literaturillustrationen wie das „Urteil von Paris“ auf der Teekanne. Schütz fertigt auch Sondermünzen, zum Gedenken an Ludwig van Beethoven oder für die Olympischen Spielen 1972, Plastiken und Schmuck aus dem „weißen Gold“. Das alles ist in einer kleinen Jubiläumsausstellung des Kunstgewerbemuseums zu sehen (Kulturforum, bis 1. April, Di-Fr 10-18, Sa/So 11-18 Uhr). Der Anlass: In diesem Jahr wären Petri und Schütz 100 geworden. Juliane Schäuble

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