Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

KLASSIK

Sanfte Pracht,

schwerelose Grazie

Es geschieht selten, dass man sich angesichts von Dirigenten die Frage stellt, welchen Sport sie im Verborgenen wohl ausüben. Sie dirigieren halt. Bei William Christie ist das anders. Seine Haltung hat mit dem typischen Pultgebaren rein gar nichts gemein und gemahnt eher an einen höfischen Tänzer oder aristokratischen Fechter. Spielerisch, elegant, souverän tritt der in Buffalo geborene Dirigent, der heute französischer Staatsbürger ist, erneut vor die Philharmoniker . Und seine magische Milde hat seit dem späten Debüt bei der Rattle-Bande im Herbst 2002 nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Dabei ist durchaus noch das Wagnis spürbar, auf das sich die Musiker in zarter Besetzung und historischer Spielweise einlassen.

Der getragen feierliche Auftakt von Händels Concerto grosso g-Moll op. 6 Nr. 6 ist noch ein zages Tasten in einer nur schwach von Kerzenschein erhellten Ahnengalerie. Die Bindungskräfte von Rhythmus und Klangfarbe sind noch nicht geschmeidig genug für eine solche Belastungsprobe. Doch das wächst, schwillt an zu sanfter Pracht, schwereloser Grazie, großem Glück. Davon schützend umfangen: die Sopranistin Sandrine Piau, grazil und intim als Kleopatra (in Arien aus Händels „Giulio Cesare“) und Ilia (in Auszügen aus Mozarts „Idomeneo“). Albrecht Mayer funkelt mit seiner Oboe durch arrangierte Händel-Arien und schickt das Publikum mit „Lascia ch’io pianga“ tränenumflort in die Pause. Danach tanzen die Philharmoniker hingebungsvoll durch das Idomeneo-Schlussballett. Sinnenbetörende Farben, atemberaubende Crescendi. Touché, Monsieur Christie (noch einmal heute, 16 Uhr).

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THEATER

Und wenn sie

nicht gestorben sind

Drei Töchter hat der Kaufmann, und eine Amme dazu, denn er muss auf Dienstreise gehen und die Mädchen zu Hause lassen. Also bewegen die wackeren Männer einen schiffsähnlichen Holzzuber von der Stelle, bis in den Zauberwald. Farbige Tücher wehen im Wind, Schmetterlinge klappen ihre Flügel auf und zu, Pilze wachsen aus dem Boden, eine Taube flattert. Außerdem treibt die wie Madonna singende Hexe Baba-Jaga ihr Unwesen, und im Hintergrund schmachtet gar ein Ungeheuer. Ob es erlöst werden kann, von der bescheidenen der drei Kaufmannstöchter? Die feuerrote Blume muss helfen, allein: Wer die Blume hat, ist vom Tode bedroht.

Verwicklungen gibt es zuhauf in der von Irina Karnauchowa und Leonid Braussewitsch erdachten Geschichte von der „Feuerroten Blume“ , die jetzt im Maxim Gorki Theater unter der Regie von Kerstin Lenhart auf die Bühne kam. Alles ist da, was zum Leben im Märchen gehört. Dargeboten wird es kräftig, raubeinig, mit viel Humor. Kinder ab fünf Jahren erleben ein Spiel, welches seine Wurzeln im Wirklichen nicht verleugnet, sondern deutlich zeigt, wie man Zauber und Verwandlungen macht. Auch wenn die Geschichte ein bisschen ruckt und zuckt, das Ensemble ist in der fantasievollen, sympathisch rustikalen Ausstattung (Annette Riedel, Dorothee Scheiffarth) mit prallem Spaß dabei, und besonders Ursula Werner liefert mit der Baba-Amme ein hinreißendes altes Weib, stampfend, krallenbewehrt, vergnügt grimassierend – schrecklich böse. Die Balance zwischen dem Schlimmen und dem Guten wird bis zum Ende gehalten. Das Motto: Wir machen Märchen, und das deftig, abenteuerlich – und lieb. Christoph Funke

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