Kultur : KURZ & KRITISCH

Kolja Reichert

POP

Galaktisches

Geheule

Welch ein Kitsch. Im Zentrum der Bühne sitzt Matthew Bellamy am Piano, unter einem blauen Lichtkegel. Darüber ein gewaltiger Sternenhimmel. Das richtige Setting für die Rock-Arien von Muse , für Teenager-Träume von Ruhm und Revolution, pathetisch, wunderschön. Die ausverkaufte Arena Treptow ist zum Raumschiff umgebaut, tausend Hände sind der Kommandobrücke entgegengestreckt, auf der sich der schmächtige Bellamy mit seiner Priester- und Sirenenstimme die Seele aus dem Leib heult. „Far away, this ship has taken me far away“, verkündet die aktuelle Single „Starlight“ den Eintritt in den interstellaren Raum. Der Klang ist für die Arena erstaunlich präzise. Von Suchscheinwerfern verfolgt, rast Bellamy über die Riesenbühne, lässt seine Gitarren brüllen und heulen und vergeigt dabei nicht einen einzigen Ton. Ventilatoren lassen Haare und Militärfrack im Wind wehen.

Sieben Jahre ist es her, dass das Raumschiff Muse über der britischen Insel aufstieg. In der Zwischenzeit ist eine beachtliche Zahl an Cinemascope-Hymnen entstanden. Während mit Konfetti gefüllte Riesenballons über der Menge schweben, wird mit dem ersten Hit „Muscle Museum“ der Tage auf der Wartebank des Ruhms gedacht. Das Ende ist kämpferisch. „You and I must fight for our rights”, ruft „Knights of Cydonia”, das pompöse Finale des aktuellen Albums, zum Widerstand. Muse sind noch lange nicht gelandet.

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KLASSIK

Pantomimisches

Geschick

Gleich zwei Anliegen verfolgt das DSO am Samstagnachmittag in der Philharmonie . Als Familienkonzert ist die Veranstaltung vor allem auch für Kinder gedacht, als Benefizkonzert unterstützt sie die Welthungerhilfe und deren Aidsprojekte. Geboten wird dabei nichts weniger als Mozarts symphonisches Vermächtnis: seine drei letzten Sinfonien. Ehe man noch überlegt, ob Leichtgewichtigeres für diesen Anlass nicht passender gewesen wäre, springt Andrew Manze schon aufs Podium. Der Alte-Musik-Spezialist kommuniziert die Es-Dur Sinfonie sehr beredt, mit geradezu pantomimischem Geschick. Das Orchester folgt ihm eifrig, allerdings ohne allzu große Leidenschaft. Auch in der g-moll Sinfonie will sich an diesem Nachmittag niemand finden, der die tragischen Abgründe dieser Musik wirklich suchte und ausleuchtete.

Nach der Pause verkündet ein Kind in Reihe 11: Das ist ja wieder der gleiche Dirigent! Recht hat es, und auch der souveräne, aber etwas neutrale Musizierstil ändert sich bei Mozarts letzter großer C-Dur Sinfonie nicht. So gerät das symphonische Spätwerk des Salzburger Götterknaben an diesem Nachmittag durchweg klangschön, aber richtungslos. Um eine profilierte Deutung scheint man gar nicht erst bemüht. Vielleicht werden ab Januar ja wieder größere Pläne geschmiedet. Dann ist das Mozartjahr nämlich unwiderruflich vorbei. Ulrich Pollmann

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