Kultur : KURZ & KRITISCH

H. P. Daniels

POP

Der Mann, den

die Mädchen liebten

Das Publikum im Quasimodo ist gediegen. Menschen mit Hang zum Weichen, die sich in ihrer Jugend vor 30 Jahren für die Musik von Al Stewart begeistert haben. Wie Cat Stevens machte Stewart damals typische „Mädchenmusik“. Aber dann waren die Mädchen irgendwann erwachsen, und Al Stewart geriet in Vergessenheit. Nun hat der 61-jährige Engländer seine alten Hits zum Album „Pieces Of Yesterday“ neu zusammengestellt, und plötzlich erinnern sich viele: Das war doch der mit „The Year Of The Cat“! Schließt man die Augen, ist man verblüfft, dass die Stimme noch genauso klingt wie vor 30 Jahren: folkig, samtig und ein bisschen näselnd. Öffnet man die Augen, sieht man einen netten älteren Herrn mit akkurat gebügeltem Hemd, dunkelblauer Bundfaltenhose und dezimiertem Haupthaar. Wie ein Popstar sieht er nicht mehr aus. Doch ist es auch der Vorzug des Alters, dass es nicht mehr um Äußerlichkeiten geht, sondern um die Musik, die Songs, die Geschichten. Das elegante rhythmische Spiel auf einer strahlend klingenden Taylor-Akustikgitarre, den Charme, den Humor, die Selbstironie und den makellosen Gesang. Wie viel bewegender wirken diese Songs in ihrer reduzierten Form, ohne die bombastisch überladenen Orchesterarrangements vergangener Zeiten. Wie lässig frisch und neu swingen „Antarctica“, „On The Border“, „Nighttrain To Munich“. Wobei sich der Amerikaner Dave Nachmanoff mit rasanten Fills und flinken Licks auf seiner Martin-Gitarre als idealer Partner erweist. Gegenseitig treiben sich Stuart und Nachmanoff an zu traumhaften Runs über Griffbrett und Saiten, so dass man sich keine bessere Begleitung vorstellen könnte als diese beiden herausragenden Akustikgitarren. Mehr ist nicht nötig.

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KLASSIK

Harte Welt,

glasiger Klang

Mit schneidender Kühle beginnt Aribert Reimann sein „Wolkenloses Christfest“. Das Requiem auf vier förmlich zum Himmel schreiende Gedichte von Otfried Büthe baut die Spannung ganz sachte auf. Wenige glasige Klänge schieben die Musiker des RSB in der Philharmonie übereinander, Marek Janowski dirigiert mit der gespannten Ruhe eines Leichenbestatters. Aber man ahnt: Ganz ungeschoren kommen die Hörer nicht davon, die Härten des Textes drängen an die Oberfläche. Unabweisbar schieben sich Klangballungen im Blech nach vorne, es tut weh im Ohr. Reimann versteht es vorzüglich, alles in seinem vom Vietnamkrieg inspirierten Werk existenziell erscheinen zu lassen. Die Musik ist gediegen gesetzt, aber nie raffiniert. Auch die Cellosoli haben nichts Versöhnlerisches, schaffen lediglich ein Minimum an Geschmeidigkeit. Ebenfalls von existenziellen Dingen handelt Schostakowitschs erstes Violinkonzert, jedoch auf viel fremdere Weise. Die widerständigen Chiffren, die der Russe in sein Werk einkomponiert, sind nur im historischen Zusammenhang wirksam, hier und heute kaum nachzufühlen. Oder spüren wir, wenn wir raffiniert versteckte Anspielungen auf jüdische Folklore heraushören, wie gefährlich dergleichen im antisemitischen Klima der Sowjetunion war? So gerät das Konzert unter der Hand des jungen Solisten Sergey Khachatryan zu einer wohlklingenden Fußnote zu maßgebenden Interpretationen aus der Sowjetzeit. Moderne Klassik light gewissermaßen, so war es nicht gemeint. Ulrich Pollmann

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KUNST

Die Schönheit

der Niederlage

Er hockt vor der Tür wie ein mutloser Buddha. Mit dem 1966 entstandenen „Geschlagenen Catcher“ repräsentierte der Bildhauer Gustav Seitz die Kunst der Bundesrepublik auf der Weltausstellung von Montreal 1967 und der Biennale von Venedig 1968. Nun bewacht der zum tragischen Torso reduzierte Bronzekoloss den Weg zum Georg-Kolbe-Museum . Unter dem Titel „Von Liebe und Schmerz“ haben sich vier Museen zur Retrospektive anlässlich von Seitz’ 100. Geburtstag zusammengetan. Berlin ist ihre letzte Station (bis 28. Januar, Di.–So. 10–17 Uhr, Katalog 20 €). Seitz gehört zum selben in Berlin ausgebildeten Bildhauer-Jahrgang wie Hermann Blumenthal und Fritz Cremer. Doch nur er brachte das Kunststück fertig, mit seinen am klassischen Menschenbild geschulten Aktfiguren und Porträtbüsten in Ost wie West gleichermaßen Anerkennung zu finden. Allerdings waren dem Anfang der fünfziger Jahre heftige Anfeindungen vorausgegangen, die den Wanderer zwischen den Ost- und West-Berliner Kunsthochschulen 1958 nach Hamburg übersiedeln ließen. Dort ist er 1969 gestorben. Im Kolbe-Museum ist ein Sinn- und Formsucher zu entdecken, dessen Weg von den melancholischen Anfängen zum erotisch überbordenden Spätwerk noch immer fesselt. Unbewusst dürfte Seitz vielen Berlinern sowieso ein Begriff sein: Sein Käthe-Kollwitz-Denkmal schmückt seit bald 50 Jahren den gleichnamigen Platz in Prenzlauer Berg. Michael Zajonz

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