Kultur : KURZ & KRITISCH

Kolja Reichert

POP

Gute Sti mmung zwischen

Norwegern und Deutschen

Wer hat hier wen im Griff? Einmal Vorsingen genügt, und das Publikum grölt eine „Lalala“-Linie, immer wieder von vorn. Sänger Janove Ottesen reagiert kokett verlegen. „Okay, ihr könnt jetzt aufhören. Ja. Ist gut. Wir lieben euch.“ Kaizers Orchestra und das Publikum im Postbahnhof verstehen sich blendend, auch wenn die Männer aus Bergen norwegisch singen. Ihre Musik verbindet Lalo Schifrin mit The Clash und osteuropäischem Folk, und blitzschnell wechselt die Band auf der Bühne zwischen Punk, nihilistischem Happening und Musical. Kaum hat Ottesen eine Melodie geschmachtet, zücken die Gitarristen schon wieder die Brecheisen und prügeln auf Ölfässer ein. Wechselnde Lichtspiele unterstreichen die Atmosphäre aus Spionage- und Weltuntergangs-Filmen. An der Pumporgel sitzt Helge Risa in Anzug und Gasmaske und haut in die Tasten wie ein verrückter Professor. Zwischendurch schlurft ein Roadie im Elvis-Kostüm über die Bühne, bringt neue Gitarren oder schiebt mit dem Fuß Kabel zurecht. Ottesen, der Charmeur im Unterhemd, behandelt das Publikum wie gute Freunde. Dieses weiß das zu schätzen. Erst nach vier Zugaben entlässt es die Band.

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AUSSTELLUNG

Enge Verbindung zwischen

Ungarn und Deutschen

Ein Deutscher gab den Ungarn im 16. Jahrhundert eine eigene Schriftsprache; ein Ungar exportierte 1937 das deutsche Bauhaus nach Amerika; ein Ungarndeutscher wurde 1998 deutscher Außenminister. 22 solcher ungarisch-deutscher Lebenswege, die persönliches Schicksal und nationale Geschichte verbinden, zeigt die Ausstellung „Deutsche in Ungarn – Ungarn in Deutschland“ im Museum Europäischer Kulturen (bis 7.1., Arnimallee 25, Dahlem, Di–Fr. 10–18 Uhr, Sa./So. 11–18 Uhr). Beeindruckend ist der Einfallsreichtum, mit dem die Kuratoren das Spannungsfeld zwischen so diffusen Begriffen wie „deutsch“ oder „ungarisch“ vermessen: Historische Abrisse beider Länder liegen auf Blöcken gedruckt auf dem Boden, Postkarten vom Plattensee oder der Loreley spielen mit touristischen Images, Kinoklamotten aus den siebziger Jahren illustrieren die Klischees vom jeweils anderen. Im Zentrum aber stehen die Lebensläufe. Der Ausstellung stellt plastisch dar, wie sich Geschichte und Biografie verweben, verschlingen und verzahnen. Sei es das Leben der deutschen Kammerfrau Helene Kottanerin, die 1440 mit dem Diebstahl der ungarischen Königskrone die Thronfolge entscheidet; sei es das Schicksal des ungarischen Schriftstellers und Holocaustüberlebenden Imre Kertész, der heute in Berlin und Budapest lebt. Julius Heß

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