Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Die Wucht

des Schicksals

Adorno wäre entsetzt gewesen: Wenn das Oslo Philharmonic Orchestra ganz selbstverständlich die zweite Sinfonie von Jean Sibelius mit dem Violinkonzert Alban Bergs koppelt, zeigt das, wie weit sich der Konzertalltag heute von den ideologischen Grabenkämpfen um die musikalische Moderne entfernt hat. Aus der historischen Distanz verändert sich die Perspektive, und Frank-Peter Zimmermann macht in der Philharmonie auch gleich klar, dass Bergs Konzert für ihn noch ganz aus dem Geist romantischen Virtuosentums schöpft. Draufgängerisch, mit vibratosattem, süffigen Ton geht er das Werk an, fordert das Orchester geradezu heraus, auf seine solistischen Attacken mit der vollsinfonischen Wucht des nachmahlerschen Orchestersatzes zu antworten. Bergs Konzert nicht als ätherische Trauermusik, sondern als konfliktorientiertes Schicksalsdrama – ein Ansatz, der rundweg überzeugt. Wird Berg so zum letzten Romantiker, betont der neue Chefdirigent Jukka-Pekka Saraste dagegen bei Sibelius die modernen Züge des von Adorno als Kitschkomponisten Geschmähten. Klar, plastisch und zielgerichtet, mit einer eher herben als sentimentalen Melodik – so ließe sich wohl das Ideal beschreiben, das Saraste aus seinen Musikern förmlich herauszuwringen versucht. Doch das rohe Blech, die klangarme Streichergruppe kommen über Provinzniveau nicht hinaus.

OPER

Brüder

im Geiste

Unauffällig fügt sich die bescheidene Fassade der St.Johannes-Evangelist-Kirche in die Häuserzeilen gleich um die Ecke vom trubeligen Nachtleben der Oranienburger Straße. Umso stärker wirkt der Schritt über die Schwelle als Eintritt in eine andere Welt, in jene Meditation über Zeit und Vergänglichkeit, zu der Gramma – Gärten der Schrift von José Maria Sánchez-Verdú einlädt. Für die Münchener Opernbiennale hatte das Team der Zeitgenössischen Oper Berlin die Uraufführung realisiert, in Berlin spielte in der übernommenen Produktion erstmals das Kammerensemble Neue Musik unter der Leitung des Komponisten. Die Inszenierung von Sabrina Hölzer überträgt den rituellen Gestus des Stückes konsequent in die Aufführungssituation. Diese versammelt kein Publikum, sondern eine klösterliche Gemeinde, sie zeigt keine Bühne, sondern bietet jedem Besucher ein Pult, darauf ein Buch als Bühne. Auf Lichtsignale hin wendet man die Seiten und folgt den Arabesken, Illustrationen, sprachlichen und musikalischen Zeichen, fühlt sich den Klängen und Gesangsfragmenten mal näher und zuweilen fern. Langsam ertastet sich die Musik den Raum, verwandelt ihn über Echos in ein zeitliches Pulsieren, zieht sich in sparsamen Höhepunkten wie in hymnischer Ekstase zusammen. Eine Gratwanderung zwischen künstlerischer Eindringlichkeit und kunstgewerblicher Aufdringlichkeit. Martin Wilkening

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben