Kultur : KURZ & KRITISCH

Christine Lemke-Matwey

KLASSIK

Ein Männlein

steht im Walde

Ein Opernlibretto, in dem Sätze vorkommen wie „Hunger ist der beste Koch“, „Friss, Vogel, oder stirb“ und auch „Herrgott, wirf Geld herab!“, verheißt entweder Blasphemie oder Trash. Auf Adelheid Wettes berüchtigtes „Hänsel und Gretel“ -Textbuch (wie auch auf Engelbert Humperdincks Musik) trifft beides zu. Kinderweisheitlicher Holzschnitt und spätromantische Empfindsamkeit, Märchenhorror und tannengrüne Tümlichkeit. Solche Ambivalenzen muss der britische Dirigent Mark Elder bei seinem philharmonischen Debüt wohl vor Augen gehabt haben. Funken einer höheren dramatisch-kritischen Erkenntnis wusste er daraus freilich nicht zu schlagen (noch einmal Sonntag, 3.12.).

Schleppte sich schon das Vorspiel in einem höchst unberedten Gestus daher, so suchte Elder sein Heil darüberhinaus im Spaltklang. Wie höhle ich den Überwältigungscharakter dieser mächtig wagnernden Musik am besten aus, so bohrte und so schürfte er. Die Antwort – durch unmotiviert an der Oberfläche kreisende Mittelstimmen, krachlederne Forti, ruppige Tempowechsel –, sie führte unter den Philharmonikern (die diese Oper in ihrer Gänze noch nie gespielt haben) zu einiger Verwirrung. Suchten die ersten Pulte bisweilen noch bei Konzertmeister Toru Yasunaga Halt, so waren die hinteren früh verloren. Die Folge: Klappernde Übergänge, forcierte Soli und ein Klang, wie man ihn so mutwillig hässlich und richtungslos bei diesem Orchester selten erlebt. Unter den Sängern machten die unverwüstliche Jane Henschel als Hexe und Franz Grundhebers Vater die beste Figur. Michaela Kaune und Katarina Karnéus hingegen, das Titelpaar, fand kaum zu geschwisterlicher Kontur. Hätte der finale Knusperwalzer etwas mehr karajaneske Kultur besessen, man hätte zu gern mit eingestimmt: „Juchei! Nun ist die Hexe tot!“

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KLASSIK

Vor dem

Paukenschlag

Als Dirigent gefeiert, als Komponist abgelehnt – wie oft hat Hans Zender diese frustrierende Erfahrung in seiner musikalischen Doppelexistenz wohl schon machen müssen? Auch im Konzerthaus reagiert das Publikum nur mit schütterem Verlegenheitsapplaus auf den originellen „Dialog mit Haydn“, den Zender über das berühmte Thema des langsamen Satzes der „Paukenschlag“-Sinfonie anspinnt. Und das, obwohl der Erfindungsreichtum, mit dem Zender das scheinbar so harmlose Motiv zerlegt, expressiv aufplustert und in immer neuen Belichtungen präsentiert, nichts anderes als die Fortsetzung der Haydn’schen Variationstechnik ist. Doch auch das engagierte, leuchtkräftige Spiel des in etlichen Soli geforderten Konzerthausorchesters und des Klavierduos Andreas Grau/Götz Schumacher kann die Vorbehalte gegenüber Zenders Experimentierkunst nicht aufweichen (noch einmal heute, 20 Uhr).

Die meisten waren wohl ohnehin gekommen, um Haydns „Paukenschlag“-Sinfonie – als quasi selbstverständliches Präludium zu Zenders Stück – und Schumanns Erste zu hören. Beide Stücke geht Zender mit einer Gelassenheit an, die man als Komplement seines kompositorischen Schaffens sehen kann: Extravaganzen leistet sich der Maestro, der in der vergangenen Woche seinen 70. Geburtstag feierte, nur bei eigenen Werken. Als Anwalt fremder Werke meidet er agogische Zuspitzungen genauso wie aufgedonnerte Gefühlsseligkeit. Stattdessen weist er mit schwungvollen Gesten den goldenen Mittelweg warmherzig-entspannten, im positiven Sinne kapellmeisterlichen Musizierens. Und wird sich denken, dass die Leute irgendwann auch seine Musik verstehen werden. Jörg Königsdorf

ARCHITEKTUR

Berühmte

Freunde

Ja, die Buchstaben sind etwas klein geraten in dem Buch „Was ist gute Architektur?“, das Tagesspiegel-Mitarbeiter Jürgen Tietz herausgegeben hat: „21 Antworten“, jeweils nur zwei Seiten lang, von Architekten, Kritikern, Nutzern, fast so etwas wie eine Zwischenbilanz der jahre- und jahrzehntelangen Anstrengungen der Galerie Aedes, in deren nun schon legendären Katalogformat das Büchlein erschienen ist (dva, München 2006, 144 S., 29,90 €).

So lasen die Beiträger auf dem Podium bei Aedes West aus hochvergrößerten Kopien vor, Noch-Opernstiftungsdirektor Michael Schindhelm über das Museum Tate Modern in London der Basler Weltstars Herzog & de Meuron, deren Freundschaft er sich rühmte, Aedes- Gründerin Kristin Feireiss über das Umweltbundesamt in Dessau des Berliner Duos Sauerbruch & Hutton und Architekt Konrad Wohlhage – erstaunlicherweise über die 1968 abgebrochene Bonner Kirche des westfälischen Barockarchitekten J.C. Schlaun. „Jedes Gebäude muss emotionalisieren, sonst erreichen wir die Menschen nicht“, fasste Wohlhage sein Credo zusammen. Weiter entfernt kann man von der klassischen Moderne eigentlich kaum sein. Was bleibt, ist ein höchst anregendes Büchlein, das die selbst gestellte Frage facettenreich aufblättert. Bernhard Schulz

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