Kultur : KURZ & KRITISCH

Sandra Luzina

TANZ

Fünf Männer

und eine Treppe

Wo sind denn nur die Girls geblieben? „Re(v)ue Total“ heißt das neue Stück des Künstlerduos Wilhelm Groener , mit dem im HAU 2 das Festival „Made in Berlin“ eröffnet wurde (noch einmal heute, 20 Uhr). Ein ernüchternder Auftakt. Wohlgeformte Frauenbeine, die sich in perfektem Gleichtakt bewegen – das war das Signum der Ausstattungsrevuen. Mit ihren glitzernden Körperornamenten, ihrer Verschwendungslust waren die glamourösen Shows ein einziges Glücksversprechen. In Wilhelm Groeners Dekonstruktion bleiben übrig: fünf Männer und eine Treppe. Die ansehnlichen Jungs müssen halb durchsichtige weiße Trikots mit Kapuze tragen, so dass sie anfangs aussehen wie Woody Allen als Spermium. Männerkörper, von allem Ausstattungszauber entkleidet, werden in grelles Licht gezerrt. Die Darsteller steppen und wackeln und scheinen sich stets ihrer eigenen Mickerigkeit bewusst zu sein. Die Show-Choreografien mit ihren stereotypen Posen wurden in einzelne Bewegungen zerlegt und abwechselnd mit Rumpfbeugen und Liegestützen ausgeführt. Die Treppe taugt nicht für die Überhöhung, also tanzen sie den sozialen Abstieg: im Lidl-Look mit Jogginghosen und Windblousons. Es kommt noch schlimmer: Nackt mit Schläppchen formiert sich das Quintett zur wippenden Männerbewegung.

* * *

POP

Warte nicht

zu lang

Die Kleine Arena des Tempodroms ist vollbesetzt. Madeleine Peyroux , eingequetscht in einen spannend zugeknöpften dunkelroten Samtblazer, hängt sich die kleine Martin-Gitarre um, schüttelt scheu die langen dunkelblonden Haare und singt „Blue Alert“ von Leonard Cohen. Angejazzeltes Swing-Geschrubbel. Und „Don’t Cry Baby“ gleich hinterhergebluest. Ein geschniegelter Junge mit gewachsten Haaren wischt und klappert auf einem alten Gretsch-Schlagzeug. Johannes Weidenmüller spielt einen reifen, weichen Kontrabass. Steely-Dan-Gitarrist John Herringten düdelt etwas einfallslos steiffingerige Solo-Sprints übers Griffbrett. Kevin Hays brilliert an Flügel und Fender Rhodes. Und Madeleine Peyroux steht unentschlossen dazwischen, singt „Don’t Wait Too Long“, eine ihrer wenigen Eigenkompositionen. Die 33-jährige Amerikanerin hat sich seit ihrer Zeit als Straßenmusikerin immer mehr als Interpretin verstanden. Seit 1996 hat sie auf vier wunderbaren Alben unterschiedlichsten Songschreibern ihre fabelhafte, in Ansätzen an Billie Holiday erinnernde Stimme geliehen. Hat Folk, Pop, Country, Blues und Rock in ihren ganz eigenen Jazz übersetzt. Gemessen an den Studioaufnahmen, ist das Konzert enttäuschend. Die Stimme ein bisschen flach und ausdruckslos. Man blickt nicht in die Seele der Peyroux, eher durch sie hindurch. Es klingt, als würde eine routinierte Hotelbar-Combo mit annehmbar durchschnittlicher Sängerin versuchen, die Platten der fabelhaften Madeleine Peyroux nachzuspielen. Wobei sie weit hinter sich selbst zurückbleibt. „The Heart of Saturday Night“ von Tom Waits und Randy Newmans „I Think It’s Gonna Rain Today“ sind plötzliche Glanzlichter. Wie ihre Kollegin Norah Jones kann auch Madeleine Peyroux die Verheißungen ihrer Platten im Konzert nicht erfüllen. H. P. Daniels

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